Long Run & lange LIT-Einheiten: Der unterschätzte „Durability“-Hebel – oder ein Risiko? 🏃♀️🚴♂️🧠
- Alexander Eigner
- vor 4 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
Du kennst das: Unter der Woche „passt“ Training irgendwie zwischen Job, Familie, Termine. Am Wochenende wird’s ernst – Long Run bzw. lange LIT-Einheit. Für viele ist das das Kernelement der Woche. Für andere ist es der schnellste Weg in Richtung Überlastung.
In diesem Blogpost schauen wir kritisch und wissenschaftlich drauf – und übersetzen das Ganze in praktische, sportartspezifische Empfehlungen (Laufen 5k–Ultra, Trail 10k–100 Meilen, Triathlon Sprint–LD, plus Exkurs Radsport). 💡
Was ist ein „Long Run“ überhaupt? (Und was ist LIT?) 🧩
Long Run = die längste Laufeinheit der Woche, meist in niedriger Intensität (LIT: Low-Intensity Training, grob „unter LT1“ / „Gesprächstempo“).Aber: „Long“ ist relativ. Entscheidend ist:
Relativ zum Wochenumfang (z.B. 25–35% des Wochenvolumens)
Relativ zur Wettkampfdauer (5k ≠ Marathon ≠ Ultra)
Relativ zur Robustheit (Trainingsalter, Verletzungshistorie, Alter, Schlaf/Stress)
Eine spannende, sehr aktuelle Arbeit zeigt: Nicht jede Session ist gleich riskant – und gerade „große“ Belastungstage können das Verletzungsrisiko erhöhen.
Warum Long Runs wirken: Physiologie in klarer Sprache 🧠⚙️
1) „Durability“ – Ermüdungsresistenz statt nur „Fitness“ 🔥
Die entscheidende Frage in langen Rennen ist nicht nur: Wie schnell bist du frisch?Sondern: Wie wenig fällst du nach 60/120/240 Minuten ab?
Long Runs trainieren (vereinfacht):
Substratwechsel: effizienter mit Glykogen umgehen, Fettverbrennung „nutzen“ (nicht romantisieren – aber praktisch relevant fürs Pacing/Fueling)
Strukturelle Anpassung: Sehnen/Bindgewebe-Toleranz, muskuläre Robustheit
Neuromuskuläre Stabilität: Bewegung „sauber“ halten, obwohl’s zäh wird(Fatigue verändert Kinematik/Steifigkeit – häufig unbewusst)
Magen/Verpflegung (Marathon/Tri/Ultra): Fueling ist trainierbar – und wird im Long Run realistisch geübt.
2) Mentale Effekte: „Ich kann das“ 😮💨➡️😈➡️😎
Long Runs sind auch psychologisches Training:
Aufmerksamkeit steuern (RPE vs. Pace vs. Körperfeedback)
Stress-Toleranz
Selbstwirksamkeit (vor allem bei Marathon/Ultra)
… und warum Long Runs auch schaden können ⚠️
1) Verletzungs-/Überlastungsrisiko (v.a. bei zu großem Anteil am Wochenumfang)
Wenn der Long Run zu groß wird im Verhältnis zur Woche, wird er oft zum „Monster“:
zu wenig Qualität im Rest der Woche
zu wenig Regeneration
Technik zerfällt → mechanische Last steigt
Eine aktuelle BJSM-Arbeit identifiziert „High-Risk“-Laufsessions und unterstreicht genau diese Logik: Bestimmte Belastungsmuster sind überproportional riskant.
2) Trail/Ultra: Downhill ist nicht nur „Kondition“ – es ist exzentrische Zerstörung 🥴
Downhill Running ist exzentrisch dominiert und kann starke neuromuskuläre und strukturelle Ermüdung erzeugen. Das ist gut trainierbar – aber auch ein klassischer Overuse-Treiber.
Neuromuskuläre Alterationen nach Downhill Running sind gut dokumentiert.
Muskel-Schädigung ist in Trail/Downhill-Kontexten sehr plausibel und wurde auch bildgebend/markerbasiert gezeigt.
Downhill-Training kann Leistung/Robustheit verbessern – aber muss dosiert werden.
Für Ultra gibt’s zudem Übersichtsarbeiten zu muskulären Konsequenzen, Verletzungen und Regeneration.

~25% des Wochenumfangs ist für viele ein stabiler Sweet Spot.
~35%+ kippt bei vielen (nicht allen!) in Richtung Risiko – vor allem bei berufstätigen Age-Groupern mit Schlaf-/Stresslimit.
Wer braucht Long Runs wirklich – und wer weniger? 🎯
Anfänger:innen (0–2 Jahre Trainingsalter) 🌱
Ziel: Robustheit aufbauen, nicht Heldentum.
Long Run ja, aber konservativ (häufiger kürzer, statt selten extrem lang).
Fokus: ruhige Intensität, Technik, Verlässlichkeit.
Daumenregel: Long Run 20–30% der Wochenzeit – eher Richtung 20% am Anfang.
Amateure (Job/Familie, 6–12 h/Woche Gesamttraining) 🧩
Ziel: maximaler Return pro Zeit.
Long Run bleibt wichtig – aber er darf nicht die Woche „auffressen“.
Qualität entsteht durch Kombination: 1 Long Run + 1 Qualitätsreiz + solide LIT-Basis.
Profis (hoher Umfang, bessere Regenerationsressourcen) 🧨
Ziel: Spezifität & Durability.
Long Runs können länger und spezifischer sein (inkl. Abschnitte im Marathonpace / race-spezifische Blöcke).
Aber auch hier: Long Run ist ein Tool – nicht Religion.
Sportartspezifisch: Was heißt „Long Run“ konkret? 🗺️
Laufsport: 5k / 10k 🏁
Braucht man einen „klassischen“ Long Run? Nicht zwingend.
Nutzen: aerobe Basis, Laufökonomie, „easy volume“
Risiko: unnötige muskuläre Ermüdung → Qualität leidet
Praxis:
Long Run eher 60–90 min, alle 7–14 Tage (je nach Wochenumfang).
Häufig ist ein „Medium Long Run“ (z.B. 70–80 min) smarter als 2+ Stunden.
Halbmarathon 🏃♂️
Long Run ja – aber nicht als Spaziergang ohne Plan.
75–120 min, 1×/Woche
Optional: „steady“ Endteil oder kurze Abschnitte nahe MRT/HM-Pace (für Fortgeschrittene)
Marathon 🏛️
Hier ist Long Run nahezu Pflicht, weil:
Fueling/Pacing/Struktur wettkampfspezifisch sind.
„Durability“ zentral ist.
Typisch: 90–180 min (individuell!), 1×/Woche – aber nicht jede Woche maximal.
Ergänzend: Marathon-Training profitiert oft nicht davon, jede Woche den längsten Long Run zu forcieren. Oft besser: 2–3 progressive Long Runs, dazwischen „stabilisieren“.
Ultramarathon Straße 🧟♂️
Long Runs sind wichtig – aber die Verletzungshistorie entscheidet.
oft sinnvoll: gelegentlich Back-to-back (z.B. Sa 2:30 + So 1:45) – nicht dauernd, eher blockweise.
Fokus: Fueling, „time on feet“, mentale Strategie
Trailrunning 10–30 km ⛰️
Hier zählen zusätzliche Faktoren:
Höhenmeter, Technik, Downhill-Toleranz, Trittsicherheit
Long Run kann kürzer sein, aber „dichter“ durch Vertikal-Last.
Ultratrail 50–100 Meilen 🏔️😈
Long Runs sind spezifisch, aber heikel:
Downhill-Exzentrik kann massiv ermüden (und tagelang nachwirken)
Besser als „ein Monsterlauf“: Vertikal-Blöcke + kluge Regeneration
Triathlon: Long Run ist nicht allein auf der Welt 🏊♂️🚴♂️🏃♂️
Sprint/Kurzdistanz
Lauf-Longrun eher 60–90 min, nicht zwingend wöchentlich
Bike/Swim liefern viel aerobe Belastung → Lauf muss nicht alles tragen
Mittel-/Langdistanz
Long Run wichtig, aber oft als „Run off the Bike“ (ermüdete Beine, spezifisch)
75–150 min (je nach Ziel, Laufökonomie, Verletzungsrisiko)
Exkurs Radsport: Lange LIT-Ausfahrten 🚴♀️
Wozu?
aerobe Basis (mit weniger orthopädischem Stress als Laufen)
Fueling-Praxis
„Sitzfleisch“ / Komfort / Positionstoleranz
mentale Ausdauer
Wer braucht’s (mehr)?
Gravel, Straße lange Rennen, Langdistanz-Tri, Marathon-MTB: deutlich mehr
Zeitfahren: lange steady Einheiten + aero-position-Toleranz – oft kürzer als Gravel, aber spezifischer
Wer braucht’s (weniger)?
reine Sprinter-/Kriterium-orientierte Fahrer (nicht „gar nicht“, aber anderes Gewicht)
extrem zeitlimitierte Athlet:innen: hier gewinnt häufig Qualität + konsistente LIT-Wochendosis gegenüber „eine epische Ausfahrt, sonst nichts“.
„Ist länger immer besser?“ Spoiler: nein. 😄
Länger wird ab einem Punkt nur noch dann besser, wenn:
es spezifisch ist (Racedauer / Terrain / Fueling)
der Rest der Woche nicht kollabiert
die Regeneration gesichert ist (Schlaf, Stress, Energieverfügbarkeit)
Sonst ist „länger“ oft nur: mehr Ermüdung.
Bringt dem Läufer eine lange LIT-Radausfahrt etwas für die Laufperformance? 🚴➡️🏃
Ja – aber indirekt:
mehr aerobe Gesamtarbeit bei geringerem orthopädischem Stress
bessere Erholungsfähigkeit / Kapazität für Lauf-Qualität
aber: laufrichtige Robustheit (Sehnen, Stoßbelastung, Laufökonomie) ersetzt sie nicht.
Praktisch: Bei verletzungsanfälligen Läufern kann lange LIT Rad ein „volumenfreundlicher“ Booster sein – solange Lauftechnik und Laufkontaktzeit nicht komplett vernachlässigt werden.
Bringt dem Radfahrer ein Long Run etwas? 🏃➡️🚴
Für die reine Radleistung: begrenzt.
Für Athletik, Knochen-/Sehnenreize, Stoffwechselgesundheit, mentale Abwechslung: potenziell gut – wenn die Orthopädie es hergibt und es das Radtraining nicht sabotiert.

Alters- und Geschlechtsaspekte: Was ändert sich? 👩🦰👨🦳
Ab 40 / ab 60
Regenerationspuffer oft kleiner (Job/Stress kommt dazu)
Sehnen/Gewebe reagieren teils langsamer auf harte Sprünge
Coach-Hack: lieber etwas kürzer, aber häufiger + konsequente Kraftarbeit.
Frauen vs. Männer
Pauschale Aussagen sind gefährlich: Zyklus, Energieverfügbarkeit, Verletzungshistorie zählen stark.
In der Praxis sehe ich: Long Runs funktionieren super – aber das Management von Energieverfügbarkeit & Recovery ist oft der entscheidende Engpass.
Konkrete Long-Run-Beispiele (pro Level) 🧱
Anfänger Lauf (10k-Ziel)
Long Run: 75 min locker, jede 2. Woche
Alternative Woche: 60 min locker + 6×20 s Strides
Amateur Marathon (Job/Familie)
Long Run Woche A: 2:00 locker + Fueling testen
Woche B: 1:30 locker, dafür mehr Schlaf/Stresspuffer
Woche C: 2:15 progressiv (letzte 30 min steady)
Woche D: „Deload“ 1:20 locker
Trail 50k (Fortgeschritten)
Long Run: 2:30–3:00 mit Höhenmetern (kontrollierter Downhill)
alle 3–4 Wochen: Back-to-back light (Sa lang, So kürzer „time on feet“)
Rad Gravel (Amateur)
Long Ride: 3–5 h LIT, Fueling fix (60–90 g KH/h je nach Verträglichkeit)
alle 2 Wochen: 2–3 h mit 2×20–30 min „steady“ (nicht „tot“ fahren)
Warum persönliches Coaching hier besonders viel bringt 🤝
Long Runs sind simpel („einfach lang“). Und genau deshalb werden sie so oft falsch gebaut.
Ein Coach hilft dir, die drei Dinge sauber auszubalancieren:
Spezifität (passt es zu deinem Ziel?)
Risiko (passt es zu deiner Orthopädie & deinem Leben?)
Wochenarchitektur (Long Run plus Qualität plus Regeneration)
Wenn du willst, bauen wir das bei aecoaching.at so, dass dein Long Run dich stärker macht – nicht müder. 🙂
Quellen (Auswahl, peer-reviewed) 📚
How much running is too much? Identifying high-risk running sessions in recreational runners. Br J Sports Med. 2024. DOI: 10.1136/bjsports-2024-109380.
Damsted C, et al. Are you a runner or a jogger?… J Orthop Sports Phys Ther. 2020. DOI: 10.2519/jospt.2020.9533.
Partyka A, Waśkiewicz Z. The Consequences of Training and Competition to the Musculoskeletal System in Ultramarathon Runners: A Narrative Review. Front Physiol. 2021. DOI: 10.3389/fphys.2021.738665.
Acute and Delayed Neuromuscular Alterations Induced by Downhill Running… Front Physiol. 2018. DOI: 10.3389/fphys.2018.01627.
Maeo S, et al. Localization of damage in the human leg muscles induced by downhill running. Sci Rep. 2017. DOI: 10.1038/s41598-017-06129-8.
Efficacy of downhill running training for improving muscular and aerobic performances. Appl Physiol Nutr Metab. 2018. DOI: 10.1139/apnm-2017-0538.
Biomechanical Response of the Lower Extremity to Running-Induced Acute Fatigue… Front Physiol. 2021. DOI: 10.3389/fphys.2021.646042.
Systematic Review: Effects of level running-induced fatigue on running kinematics. Gait & Posture. 2022. (Artikelübersicht)




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