Zwischen Atemnot und Leistung: Was uns RCP & IntervalllĂ€nge wirklich sagen đŽââïžđââïž
- Alexander Eigner
- 22. Dez. 2025
- 7 Min. Lesezeit
Stell dir vor, du sitzt im Labor am Ergometer. Die Stufen werden immer hĂ€rter, die Atmung schneller â und plötzlich hast du das GefĂŒhl: Jetzt ist es âernstâ. Genau in diesem Bereich bewegen sich die Studien, um die es heute geht: rund um den Respiratory Compensation Point (RCP) und die Frage, wie Intervall-LĂ€nge und Belastungszone deine LeistungsfĂ€higkeit und ErmĂŒdung steuern.
Ich schaue mir das aus zwei Perspektiven an:
đ als Sportwissenschaftler mit Blick auf die Studienlage
đ und als Coach, der diese Erkenntnisse fĂŒr Radfahrer:innen, LĂ€ufer:innen, Trailrunner:innen und Triathlet:innen in TrainingsplĂ€ne ĂŒbersetzen muss.
1. Was ist der Respiratory Compensation Point ĂŒberhaupt? đźâđš
Die aktuelle Ăbersichtsarbeit von Keir et al. 2024 beschreibt den RCP als den Punkt wĂ€hrend eines Stufentests, an dem die Ventilation nicht mehr ânurâ dem COâ folgt, sondern ĂŒberproportional ansteigt. Dabei fĂ€llt der COâ-Partialdruck im Blut â die klassische Definition des RCP.
Vereinfacht:
Bis zur Gas Exchange Threshold (GET / LT1)Â steigt Atmung proportional zum Stoffwechsel.
Zwischen GET und RCP sprechen wir vom âheavyâ Bereich â isocapnic buffering, Laktat steigt, wird aber noch gut gepuffert.
Ab RCP tritt zusĂ€tzliche Atemansteuerung in Kraft: der Körper versucht, die zunehmende Azidose durch Abatmen von COâ in den Griff zu bekommen â wir sind an der Grenze zum maximalen metabolischen Gleichgewicht (MMSS).
Die spannende (und kontroverse) Frage:
Deckt sich RCP wirklich mit der âhartenâ Schwelle wie Critical Power (CP) oder maximaler Laktat-Steady-State (MLSS)?
Einige Arbeiten â u. a. Keir et al. 2018 â argumentieren, dass RCP und CP / MLSS eng genug beieinanderliegen, um RCP praktisch als surrogate Marker zu nutzen.
Andere (z. B. Broxterman et al. 2018, Leo et al. 2017) finden deutliche Abweichungen und warnen vor einer ĂberschĂ€tzung der Genauigkeit.
Eine Meta-Analyse von GalĂĄn-Rioja et al. 2020 zeigt: RCP, CP und ventilatorische / metabolische Schwellen liegen oft nahe beieinander, aber nicht identisch, mit typischen Abweichungen von mehreren Prozent VOâmax.
FĂŒr die Praxis heiĂt das:
âĄïž RCP ist ein nĂŒtzlicher Marker, aber kein heiliger Gral. In der Einzelfallsteuerung sollten wir ihn immer im Kontext von CP, Leistungsdiagnostik und Trainingserfahrung sehen.
2. Was bringen kĂŒrzere vs. lĂ€ngere Intervalle im âsevereâ-Bereich? â±ïž
Die Arbeit von McClean et al. 2023 (âShorter High-Intensity Cycling IntervalsâŠâ) schaut sich an, wie unterschiedlich lange Intervalle (1-min vs. 3-min vs. Konstantlast) bei gleicher mittlerer Leistung wirken.
Design (vereinfacht):
Alle Protokolle bei ~90 % Peak-Power (also deutlich im severe-Bereich).
Drei Varianten:
HIIT 1-min: 1 min Arbeit / 1 min Pause
HIIT 3-min: 3 min Arbeit / 3 min Pause
Konstantlast (CL): durchgÀngig ohne Pausen
Man vergleicht sowohl:
work-matched (gleiche Gesamt-Arbeitszeit)
als auch task failure (jeder bis zur Erschöpfung)
Kernbefunde:
Bei gleicher Gesamtarbeit sind kĂŒrzere Intervalle (1-min) subjektiv angenehmer, erzeugen geringere neuromuskulĂ€re ErmĂŒdung und niedrigere wahrgenommene Belastung als 3-min-Intervalle oder Konstantlast.
Geht man in allen Protokollen bis zur Erschöpfung, ist die End-ErmĂŒdung (MVC-Verlust) erstaunlich Ă€hnlich â der Körper âregeltâ sich quasi auf ein gemeinsames Limit ein.
Allerdings ist die Zeit bis zur Erschöpfung:
am kĂŒrzesten bei Konstantlast (~4â5 min),
mittellang bei 3-min-Intervallen (~8 min),
am lÀngsten bei 1-min-Intervallen (~50 min Gesamtarbeitszeit).
ZusÀtzliche Studien zu HIIT und IntervalllÀnge in Àhnlichen Settings zeigen:
KĂŒrzere Intervalle (<60 s) bei gleichem Durchschnitts-Load können die kardiovaskulĂ€re Antwort hoch halten, gleichzeitig aber lokale ErmĂŒdung und RPE dĂ€mpfen.
Die Verteilung der Arbeit ĂŒber viele kurze Bouts erlaubt einen gröĂeren Gesamtumfang im severe-Bereich â das ist fĂŒr VOâmax- und CP-Adaptationen interessant.

Der obere Teil der Abbildung 1 zeigt schematisch:
Moderate (GA1): bis ca. 60 % VOâmax â âWohlfĂŒhlbereichâ
Heavy (GA2): ca. 60â83 % VOâmax â Laktat steigt, aber stabil
Severe: ab ca. 83 % VOâmax â jenseits von RCP/CP, keine stabile Physiologie mehr möglich, Zeit bis zur Erschöpfung ist begrenzt
RCP liegt im Mittel bei ca. 83 ± 6 % VOâmax â also im oberen Bereich der klassischen âSchwellenzoneâ.
Der untere Teil der Abbildung 1 fasst konzeptionell zusammen (Werte angelehnt an McClean et al. 2025):
Arbeitszeit bis Erschöpfung (min)
1-min HIIT: ~50 min
3-min HIIT: ~8 min
Konstantlast: ~4â5 min
Subjektive Belastung (RPE)
1-min HIIT: moderat-hoch
3-min HIIT & Konstantlast: sehr hoch
Interpretation als Coach:
đ Mit kĂŒrzeren Intervallen kann ich Athlet:innen viel lĂ€nger im hochwirksamen IntensitĂ€tsbereich halten, ohne sie komplett zu zerschieĂen â ideal, wenn noch weitere Einheiten in der Woche anstehen oder der Alltag (Job, Familie) hart ist.
3. Was heiĂt das fĂŒr die Praxis im Ausdauersport? đ§
3.1 Radfahren (StraĂe & Triathlon)
Beginners
Fokus: solide Basis bis GET, gelegentlich âAnflĂŒgeâ Richtung RCP.
Praktisch:
2â3Ă/Woche GA1/GA2-Rides (60â90 min)
1Ă/Woche: kurze Intervalle knapp unter/um RCP, z. B.6â8 Ă 3âČ bei ~90â95 % FTP, 3âČ locker
Amateure
Ziel: CP/FTP anheben, FĂ€higkeit zur Arbeit ĂŒber CP entwickeln.
Praktisch:
1 Tag mit RCP-orientiertem Block:3 Ă 10âČ bei RCP (oder 105â110 % FTP), 5âČ locker
1 Tag mit kurzen HIIT-Intervallen ĂŒber CP, z. B.:10 Ă 1âČ bei 115â120 % FTP, 1âČ locker
Hier greifen die Erkenntnisse von McClean et al.: lieber mehrere kurz-bissige Intervalle als wenige sehr lange, wenn du TrainingsvertrÀglichkeit erhöhen willst.
Profis
RCP / CP sind zentrale SteuergröĂen:
Kombination aus:
Tagen mit lĂ€ngeren Blöcken knapp unter/um CP (z. B. âover-underâ),
Tagen mit vielen kurzen Intervallen deutlich ĂŒber CP.
Wichtig: hoch-individuelle Abstimmung basierend auf Diagnostik (CP, RCP, Laktat, VOâmax).
3.2 Laufsport & Trailrunning đââïžâ°ïž
Ăbertragen auf die Laufdisziplinen:
Unterhalb RCP (heavy):
Klassische âSchwellenlĂ€ufeâ, Cruise-Intervals (z. B. 5Ă6âČ bei HM-Pace).
Oberhalb RCP (severe):
VOâmax-Intervalle (z. B. 10Ă400 m bei 3â5-k-Pace)
Berg-Intervalle im Trailrunning
Beginners
Max. 1 âHĂ€rteeinheitâ/Woche, vorzugsweise kurze Anteile ĂŒber RCP, z. B.:10 Ă 30âł zĂŒgig / 60âł locker
Ziel: neuromuskulĂ€re und kardiorespiratorische Reize ohne Ăberforderung.
Amateure
1 Schwellen-orientierter Lauf (ca. um RCP) + 1 kĂŒrzerer Intervalllauf/Woche.
Beispiel:
3 Ă 10âČ bei âkontrolliert hartâ (HMâ10k-Pace), 3âČ jog
8 Ă 1âČ zĂŒgig bergauf, locker runter
Profis / ambitionierte UltralÀufer:innen
RCP spielt als SteuergröĂe fĂŒr lĂ€ngere TempodauerlĂ€ufe und Bergintervalle eine groĂe Rolle.
Gleichzeitig: Studien zu neuromuskulĂ€rer ErmĂŒdung im severe-Bereich zeigen, dass Time-to-Failure stark vom Anteil der aktiven Muskulatur, Terrain und Laufstil abhĂ€ngt.
Im Trailrunning heiĂt das: gleicher %VOâmax kann sich je nach GefĂ€lle, Untergrund und Höhenprofil sehr unterschiedlich anfĂŒhlen â hier arbeitet man in der Praxis eher mit Leistung (bei Powermeter) oder HF & RPE kombiniert.
3.3 Wie viele Einheiten im âsevereâ-Bereich sind sinnvoll? âïž
Wenn wir RCP/CP als Grenze zwischen âgut tolerierbarâ und âzeitlich begrenzterâ Belastung sehen, deuten die Daten insgesamt auf:
Meist reichen 2 Einheiten/Woche im Bereich um/ĂŒber RCPÂ fĂŒr leistungsorientierte Age-Grouper.
DarĂŒber hinaus steigt das Risiko fĂŒr:
kumulative neuromuskulĂ€re ErmĂŒdung,
schlechtere SchlafqualitÀt,
Motivationsprobleme.
Das passt auch zu klassischen Empfehlungen der IntensitĂ€tsverteilung (polarisiert, pyramidal), die den ĂŒberwiegenden Teil des Volumens im moderate/heavy-Bereich sehen.
4. Was Coaches aus den Studien lernen können đ§
RCP ist ein Werkzeug, kein Dogma.
Nutze ihn als Marker, aber prĂŒfe ihn gegen CP, Laktatkurve, Wettkampfleistungen und subjektive RĂŒckmeldungen.
IntervalllÀnge ist kein Detail, sondern zentrales Steuerinstrument.
KĂŒrzere Intervalle â mehr Gesamtarbeit im severe-Bereich, bessere VertrĂ€glichkeit.
LĂ€ngere Intervalle â schneller tiefe ErmĂŒdung, gut dosieren!
Fatigue â Bösewicht, aber sie muss planbar bleiben.
McClean et al. zeigen: das System âziehtâ sich bei Erschöpfung auf ein Ă€hnliches Fatigue-Level, egal ob kurz oder lang.
Aufgabe des Coachings: WIE OFTÂ bringe ich Athlet:innen an dieses Limit?
Individualisierung schlÀgt Schema F.
Alter, Trainingserfahrung, Alltagstress, Verletzungshistorie â all das beeinflusst, wie âvertrĂ€glichâ Arbeit um und ĂŒber RCP ist.
5. Konkrete Beispiel-Einheiten nach Leistungsniveau đĄ
FĂŒr Einsteiger:innen
2â3Ă GA1 (Rad / Lauf / Trail / Koppel locker)
1Ă sanfte âRCP-NĂ€herungâ:
Rad: 6 Ă 3âČ bei 90 % FTP, 3âČ locker
Lauf: 8 Ă 45âł etwas schneller als 10k-Tempo, 75âł locker
Fokus: Technik, SpaĂ, Grundlagenausbau â RCP nur ankratzen, nicht âzerschieĂenâ.
FĂŒr ambitionierte Amateure
Wöchentlich:
Schwellentag (um RCP):
Rad: 3 Ă 12âČ bei RCP, 5âČ locker
Lauf: 2 Ă 20âČ bei HM-Tempo
HIIT-Tag (kurze Intervalle > RCP):
Rad: 12 Ă 1âČ bei 115â120 % FTP, 1âČ locker
Lauf: 10 Ă 400 m bei 3â5-k-Pace, 200 m jog
Rest: GA1/GA2, Technik, Kraft.
FĂŒr Profis
Periodisierte Kombination aus:
Blöcken mit hoher Zeit knapp unter CP (z. B. 4Ă15âČ),
Blöcken mit vielen kurzen Intervallen im severe-Bereich (15â60 s),
gelegentlichen Einheiten bis nahe an Task-Failure (aber gezielt und mit ausreichender Regeneration).
Hier sind Diagnostik und Monitoring (HRV, RPE, Trainingsdaten, ggf. Spiroergometrie) Pflichtprogramm.
6. Warum persönliches Coaching hier den Unterschied macht đŻ
Diese Studien liefern Richtungen, aber keine fertigen PlĂ€ne fĂŒr dein Leben mit Job, Familie und begrenzter Zeit.
Ein erfahrener Coach kann dir helfen,
deinen RCP / CP sinnvoll zu bestimmen (Labordiagnostik, Feldtests, Leistungsdaten),
die richtige Mischung aus Schwellen- und Intervalltraining bei deinem Wochenumfang zu finden,
Anzeichen von Ăberlastung frĂŒh zu erkennen,
und das Ganze mit deiner psychischen Situation, Motivation und Alltagsstress zu verbinden.
Wenn Coaching zusÀtzlich psychologische AnsÀtze (z. B. lösungsfokussiertes oder hypnosystemisches Arbeiten) integriert, geht es nicht nur um Watt und Pace, sondern auch um Fragen wie:
Warum tue ich das eigentlich?
Wie gehe ich mit Druck, RĂŒckschlĂ€gen oder Stagnation um?
Wie passt ambitionierter Sport in mein Leben â und nicht dagegen?
Wenn Du dir denkst đŁïž
âGenau das ist eigentlich mein Thema â ich will smarter, nicht hĂ€rter trainieren.â
âŠdann ist der nĂ€chste logische Schritt ein persönliches Coaching.
Bei aecoaching verbinden wir sportwissenschaftliche Diagnostik, aktuelle Studienlage und langjĂ€hrige Erfahrung im Ausdauercoaching â mit einem klaren Blick auf deine LebensrealitĂ€t.
đ Schau gern auf aecoaching.at vorbei und hol dir dein ErstgesprĂ€ch.
AusgewÀhlte Literatur (Auszug)
Keir DA et al. The respiratory compensation point: mechanisms and relation to the maximal metabolic steady state. Sports Med. 2024;54:2993â3003. doi:10.1007/s40279-024-02084-3
Keir DA et al. The respiratory compensation point and the deoxygenation breakpoint are valid surrogates for critical power and maximum lactate steady state. Med Sci Sports Exerc. 2018;50:2375â2378.
Broxterman RM et al. The respiratory compensation point and the deoxygenation breakpoint are not valid surrogates for critical power and maximum lactate steady state. Med Sci Sports Exerc. 2018;50:2379â2382.
GalĂĄn-Rioja MĂ et al. Relative proximity of critical power and metabolic/ventilatory thresholds: systematic review and meta-analysis. Sports Med. 2020;50:1771â1783.
McClean ZJ et al. Shorter high-intensity cycling intervals reduce performance and perceived fatigability at work-matched but not task failure. Med Sci Sports Exerc. 2023;55(4):690â699.
McClean ZJ et al. Performance fatigability at task failure and beyond: distinct patterns of recovery following constant load versus intermittent cycling exercise. Int J Exerc Sci. 2025;18(7):971â983.
Poole DC et al. Critical power: an important fatigue threshold in exercise physiology. Med Sci Sports Exerc. 2016;48:2320â2334.
GalĂĄn-Rioja MĂ et al. sowie weitere Arbeiten in Keir et al. 2024 zur Einordnung von RCP, CP und MMSS




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