Wenn „fleißig“ plötzlich gefährlich wird 😅➡️🚥
- Alexander Eigner
- vor 2 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
Übertraining, RED-S, Overfatigue, Erschöpfung & Underresting im Radsport, Laufsport, Trail/Ultra & Triathlon
Ich sehe es jede Saison: Athlet:innen machen „alles richtig“ – Trainingsplan eingehalten, motiviert, diszipliniert – und trotzdem kippt das System. Leistung stagniert, Schlaf wird schlechter, Puls/HRV spielen verrückt, die Stimmung bröckelt. Und dann kommt der Satz, der mir als Coach immer die Alarmglocken läutet:
„Ich trainiere eh nicht so viel, ich kann gar nicht übertrainiert sein.“ 🙃
Genau da wird’s spannend – denn die Forschung zeigt: Nicht nur Trainingslast entscheidet, sondern das Gesamtpaket aus Belastung und Erholung: Job, Schlaf, psychischer Stress, Energieverfügbarkeit (RED-S), Gesundheit, Lebensrhythmus. Und: Der Begriff „Übertraining“ wird im Alltag oft falsch verwendet.
1) Begriffe entwirren: Wovon reden wir eigentlich? 🧩
In der Wissenschaft ist die Lage klarer – und gleichzeitig ernüchternd:
Akute Müdigkeit: normal nach Belastung, erholt sich in Stunden/Tagen.
Funktionelles Overreaching (FOR): geplante Überlastung, kurzer Performance-Dip, danach Superkompensation.
Non-funktionelles Overreaching (NFOR): Erholung dauert Wochen, Leistung/Antrieb sinken.
Overtraining Syndrome (OTS): selten, aber ernst: Leistungsabfall >4 Wochen + psychophysiologische Symptome – und diagnostisch extrem schwierig, oft Ausschlussdiagnose. Eine Scoping Review zeigt: Es fehlt ein Goldstandard, Biomarker sind unsauber, Studienqualität begrenzt.
Dazu kommen Alltagsterms, die oft alles vermischen:
Overfatigue / Underrecovery / Underresting: Meist ein Zustand aus zu viel Gesamtstress + zu wenig Regeneration (ohne „echtes“ OTS).
Erschöpfungssyndrom / Burnout: primär psychologisch/sozial geprägt – kann aber sportlich getriggert oder verstärkt werden.
Wichtig: Eine systematische Review zu OTS (Weakley et al.) kommt zu einem harten Fazit: Die evidenzbasierte Beschreibung „wie OTS entsteht und woran man es objektiv erkennt“ ist erstaunlich dünn – trotz vieler Narrative. Das heißt nicht, dass es OTS nicht gibt. Es heißt: Wir müssen vorsichtig sein, was wir „wissen“ vs. was wir vermuten.
2) RED-S: Wenn Erholung scheitert, weil „der Tank leer“ ist ⛽🚫
RED-S (Relative Energy Deficiency in Sport) ist ein großer Gamechanger in der Diskussion, weil es zeigt:
Du kannst „trainingsmäßig“ alles richtig machen – und trotzdem maladaptieren, wenn die Energieverfügbarkeit chronisch zu niedrig ist.
Die IOC-Konsensuspapiere (2018 & 2023) beschreiben RED-S als multisystemisches Problem, das Leistung, Knochen, Hormone, Immunfunktion, Proteinbiosynthese und psychische Gesundheit beeinflussen kann. Und die neuere Evidenz fasst zusammen:
LEA/RED-S ist verbreitet, schwer sauber zu messen und kann Performance & Verletzungsrisiko deutlich beeinflussen.
Praktische Coach-Übersetzung:
RED-S ist einer der häufigsten Gründe, warum sich „Overtraining“ anfühlt wie ein Trainingsproblem – aber eigentlich ein Fueling-/Recovery-Problem ist.
3) Modell: Das Kontinuum von „normal müde“ bis „OTS“ (inkl. RED-S) 🚥
Hier ist die Orientierungsgrafik, die ich in der Praxis gern nutze:

Coach-Takeaway:
Viele Age-Group-Athlet:innen landen nicht im „OTS“, sondern im Bereich NFOR/Underrecovery – häufig durch Jobstress + Schlafdefizit + Fueling-Lücken. Und genau da kann man meist mit kluger Steuerung sehr viel retten.
4) Messbarkeit: Warum „ein Marker“ fast nie reicht 📉🧠
Die Forschung zeigt immer wieder: Ein einzelner Biomarker ist selten zuverlässig. OTS ist vermutlich eher ein komplexes Systemphänomen, bei dem viele Faktoren nichtlinear zusammenspielen.
Was ist in der Praxis sinnvoll?
Kombi aus 3 Ebenen:
Performance/Training
Leistung bei gleichen Intensitäten (Pace/Watt)
RPE driftet nach oben („fühlt sich schwerer an als sonst“)
Intervallqualität bricht unerwartet ein
Subjektiv/psychologisch
Stimmung, Reizbarkeit, Motivation
Schlafqualität, Appetit
„Ich brauche ewig, bis ich mental starten kann“
Physiologisch (vorsichtig interpretieren!)
Ruhepuls / orthostatischer Test
HRV-Trends (individuell!)
ungewöhnliche Infektanfälligkeit
HRV kann helfen – aber nur, wenn man es langfristig, individuell und im Kontext liest. Eine Praxis-/Anwendungsübersicht (2023) betont genau das: HRV ist nicht linear „gut/schlecht“, sondern eher ein persönlicher Trendmarker.
Und interessant: Eine Meta-Analyse zeigt, dass nicht nur Trainingsvolumen HRV drückt – gerade Vorwettkampf-Stress kann parasympathische Marker stärker beeinflussen als reine physische Überlastung.
5) Sportarten unterscheiden sich – nicht alles ist „einfach mehr Erholung“ 🏁
Die Belastung ist sportartspezifisch:
Laufen/Trail/Ultra: hohe Struktur-/Stoßlast (Sehnen, Knochen, Downhills)
Rad/TT/Gravel: hohe Systemlast (metabolisch), strukturell oft „gutmütiger“, aber: Sitzbelastung, monotone Dauerbelastung, manchmal „zu leicht zu viel“
Triathlon: die Königsdisziplin der Gesamtlast, weil Intensitäten + Umfänge über 2–3 Sportarten addieren

6) Praktische Steuerung: Anfänger vs. Amateur vs. Profi 🎯
A) Anfänger:innen (0–2 Jahre strukturiertes Training)
Hauptgefahr: zu schnelle Progression + zu viele harte Einheiten („weil’s Spaß macht“) 😄Regel: Mehr Konstanz, weniger Heldentage.
Lauf 5–10 km: 2 Qualitätsreize/Woche reichen (z. B. Schwelle + kurze VO₂-Anteile), Rest locker.
Trail: Downhills technisch dosieren, Kraft/Stabi früh einbauen.
Rad: Umfang langsam steigern; 1–2 strukturierte Einheiten, Rest Grundlage.
Tri Sprint/Olympisch: nicht jede Einheit „mittelhart“ – klare Polarität.
Mini-Woche (Einsteiger Lauf 5–10k, 4 Einheiten):
Di: 6×2’ zügig (RPE 7/10), lange Pausen
Do: locker 45’
Sa: langer Lauf 60–75’ locker
So: 30’ sehr locker + Mobility
B) Amateure (voll berufstätig, Familie, 6–12h/Woche)
Hauptgefahr: Training oben drauf + Schlaf unten weg + Ernährung „irgendwie“ = Underrecovery. 😵💫
Hier ist „Underresting“ oft realer als „Overtraining“.
Gamechanger (aus Coachsicht):
harte Tage bündeln, leichte Tage wirklich leicht
1–2 echte Ruhetage/aktive Recovery fest einplanen
Fueling wie ein Profi (zumindest an Schlüsselstellen)
Monitoring: 2-Minuten-Check-in täglich (Schlaf, Stress, Motivation)
Beispiel: Rad Straße/TT (8–10h/Woche, Job+Family)
Mo: frei / 30’ Regeneration
Di: Schwelle/Tempo (z. B. 3×12’)
Mi: locker 60–75’
Do: kurz-intensiv (z. B. 6×3’)
Fr: frei oder 45’ locker
Sa: langer Ride 2.5–3.5h locker
So: 60–90’ locker (oder Technik/Gravel)
C) Profis (20–30h/Woche, Recovery „als Job“)
Hauptgefahr: sehr hohe Trainingsdichte + Wettkampf-/Reisestress + Erwartungsdruck.
Hier ist OTS zwar immer noch selten, aber NFOR/chronische Malaise kann passieren – und psychische Faktoren spielen massiv rein. Die komplexe Systemperspektive auf OTS passt hier besonders gut.
Pro-Logik: Nicht nur „mehr easy“. Sondern:
Micro-Periodisierung, echte Deload-Wochen
Stressmanagement, Schlafstrategie, mentale Tools
medizinisches Team, Blutbild/Marker im Verlauf + Kontext
7) Alters- und Geschlechtsunterschiede: Gibt’s da klare Antworten? 👵🧑🦱👩🦰
Kurz: Es gibt Hinweise, aber wenig „harte“ Trainingsempfehlungen nur aufgrund von Alter/Geschlecht.
Was wir sicher sagen können:
Mit zunehmendem Alter steigen oft Alltagsstress, Verletzungsanfälligkeit und die Bedeutung von Krafttraining und Recovery-Timing.
Bei Frauen können Zyklus/ hormonelle Faktoren Messwerte (z. B. HRV) beeinflussen – viele Studien berichten das unzureichend, was Interpretationen erschwert.
Praxisregel für Masters (35+/45+):
Progression langsamer, Krafttraining konsequenter, „2 harte Tage hintereinander“ vorsichtiger.
Und: In Trail/Ultra ist die Strukturbelastung oft der limitierende Faktor – nicht die „Fitness“.
8) Overtraining vs. Erschöpfung: Der psychologische Anteil ist kein „Add-on“ 🧠
Eine Frontiers-Langzeitbeobachtung bei jungen Elite-Studierenden zeigt sehr schön, wie Training + Lebensstress zusammenspielen (Mood, Schlaf, Soreness, Stress, Load).
Und genau deshalb sind Tools wie Schlaf-/Stresshygiene, lösungsfokussierte Interventionen, hypnosystemische Perspektiven im Coaching so wertvoll: Nicht weil „mindset“ die Physio ersetzt, sondern weil Recovery ein biopsychosoziales System ist.
9) Was würden renommierte Coaches unterschreiben? (Praxis trifft Wissenschaft) 🧑🏫
Ohne „Guru-Quotes“: In der internationalen Top-Praxis (egal ob Rad, Lauf, Tri, Trail) tauchen immer wieder die gleichen Prinzipien auf:
Konstanz schlägt Extremwochen
Harte Einheiten brauchen einen Preis: echte Erholung
Fueling ist Training (vor allem bei hoher Dichte/Umfang)
Monitoring ist Kontext, nicht Orakel (HRV/Ruhepuls + subjektive Daten + Performance)
10) Warum persönliches Coaching hier so viel bringt 🤝
Weil Überlastung selten ein „Trainingsplanproblem“ ist – sondern ein Steuerungsproblem im realen Leben.
Ein guter Coach…
erkennt Muster früh (bevor 4–8 Wochen verloren gehen),
unterscheidet NFOR vs. RED-S vs. mentale Erschöpfung,
passt Training sportartspezifisch an (TT vs Gravel vs Trail vs LD-Tri),
und baut Recovery/Fueling/Stressmanagement so ein, dass es in deinen Alltag passt.
Wenn du spürst, dass du „trotz Disziplin“ nicht mehr sauber adaptierst: Genau da lohnt sich ein Gespräch.
(Du weißt ja, wo du mich findest: aecoaching.at 😉)
Quellenverzeichnis (peer-reviewed, überwiegend ≤10 Jahre) 📚
Mountjoy M, et al. IOC consensus statement on RED-S: 2018 update. Br J Sports Med (2018). DOI: 10.1136/bjsports-2018-099193
Mountjoy M, et al. IOC Consensus Statement on RED-S: 2018 Update. Int J Sport Nutr Exerc Metab (2018). DOI: 10.1123/ijsnem.2018-0136
Mountjoy M, et al. 2023 IOC consensus statement on REDs. Br J Sports Med (2023). DOI: 10.1136/bjsports-2023-106994
Low Energy Availability and REDs systematic review/meta-analysis. Sports Medicine (2024/2025). DOI: 10.1007/s40279-024-02130-0
Logue DM, et al. Low energy availability in athletes 2020 (updated narrative review). Nutrients (2020). DOI: 10.3390/nu12030835
Weakley J, Halson SL, Mujika I. Overtraining Syndrome Symptoms and Diagnosis… Systematic Review. IJSPP (2022). DOI: 10.1123/ijspp.2021-0448
Diagnosing Overtraining Syndrome: A Scoping Review. Sports Health (2021). DOI: 10.1177/19417381211044739
Pires FO, et al. Overtraining Syndrome as a Complex Systems Phenomenon. Frontiers (Network Physiology) (2021). DOI: 10.3389/fnetp.2021.794392
Cadegiani FA, et al. Overtraining-related cognitive dysfunction and sex differences. Sports Med Open (2023). DOI: 10.1186/s40798-023-00614-3
Lundstrom CJ, et al. Practices and Applications of HRV in endurance sport. Int J Sports Med (2023). DOI: 10.1055/a-1864-9726
Manresa-Rocamora A, et al. Heart rate-based indices to detect parasympathetic hyperactivity… meta-analysis. Scand J Med Sci Sports (2021). DOI: 10.1111/sms.13932
Klaperski S, et al. HRV alterations in ultra-endurance runners. Eur J Appl Physiol (2019). DOI: 10.1007/s00421-019-04187-6
Monitoring training loads and perceived stress (longitudinal). Frontiers in Physiology (2019). DOI: 10.3389/fphys.2019.00034




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