Wenn Ausdauersport die Psyche stärkt – und wann es kippt
- Alexander Eigner
- 23. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Stell dir eine typische Age-Grouper-Woche vor:
Montag früh 60 Minuten locker laufen, Dienstag Abend Intervalle auf Zwift, Donnerstag Koppellauf nach einem zähen Bürotag, am Wochenende langer Radblock.
Dazu Job, Familie, Social Life – und irgendwo dazwischen noch Erholung.
Viele Athlet:innen spüren intuitiv: „Der Sport stabilisiert mich.“ Gleichzeitig kennen einige das Gefühl, dass Training plötzlich nur noch Stress oben drauf ist.
❓ Wo verläuft die Grenze zwischen schützender Bewegung und riskanter Überlastung – gerade im Kontext von Depressionen und anderen psychischen Belastungen?
In diesem Beitrag schauen wir uns an:
🔍 Was die Wissenschaft zu Ausdauer- und Krafttraining bei Depressionen sagt
🧮 Ab welcher Dosis der positive Effekt nachlässt – Stichwort U-Kurve
🎯 Was das konkret für Laufen, Trailrunning, Radsport und Triathlon bedeutet (Anfänger, Amateure, Profis)
⚠️ Wo Risiken im Ultra-Endurance-Bereich liegen
🤝 Warum persönliches Coaching – idealerweise mit psychologischem Background – hier ein echter Gamechanger sein kann
1️⃣ Was sagt die Forschung? 🔬
🧪 Bewegung als „zusätzliche Medizin“ bei Depression
Mehrere aktuelle Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen kommen zu einem ähnlichen Befund:
Eine große systematische Übersichtsarbeit von 2025 (Budde et al.) zeigt einen mittleren antidepressiven Effekt von Sport (SMD ≈ −0,6).
Eine Umbrella-Review aus 2023 (Singh et al.) bewertet die Evidenz für körperliche Aktivität bei Depression als robust – teils vergleichbar mit Psychotherapie oder Medikamenten bei leichten bis moderaten Verläufen.
Ein „Rapid Review“ der Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin (Gerber et al., 2021) zeigt, dass regelmäßige Bewegung das Risiko, überhaupt eine Depression zu entwickeln, um ca. 20–25 % senkt.
🧩 Wichtig:
Die Effekte sind nicht magisch, aber stabil und klinisch relevant – und sie kommen zusätzlich zu Therapie/Medikation, nicht stattdessen.
📉 Wie viel ist gut? – die U-Kurve der Trainingsstunden
Eine große UK-Biobank-Analyse mit zehntausenden Teilnehmenden zeigt:
Die größten Zugewinne treten zwischen ca. 1 und 4–5 Stunden moderat-intensiver Bewegung pro Woche auf.
Danach profitieren Menschen immer noch, aber die zusätzlichen Effekte werden kleiner – der Verlauf ist eher U-förmig/abgeflacht, nicht linear.
Für Ausdauersport heißt das:
✅ 3×/Woche 45–60 min zügiges Laufen/Radfahren/Schwimmen reichen oft schon für starke psychische Effekte.
⚠️ 12–15 h Training mit viel Intensität sind nicht automatisch besser – vor allem nicht bei wenig Schlaf und hohem Stress.
2️⃣ Ultra-Endurance & Psyche – wenn viel sehr viel wird 🏔️
Eine Review der Universität Bern (Colangelo et al., 2023) zu Ultra-Endurance-Athlet:innen (Ultramarathon, Ironman, lange Rad-Events) zeigt:
In dieser Gruppe finden sich überdurchschnittlich viele Fälle von Depressionen, Angststörungen, Essstörungen und Sucht.
Hohe Trainingsumfänge + lange Wettkämpfe sind oft mit Stimmungsabfällen, Reizbarkeit und Erschöpfung verbunden.
Der Sport wird nicht selten als „Selbstmedikation“ genutzt – einerseits stabilisierend, andererseits riskant, weil er Probleme überdecken kann.
💡 Fazit:
Ausdauertraining schützt vor Depression – aber extreme Volumina im Ultra-Bereich können selbst zum Risikofaktor werden, wenn sie mit Perfektionismus, Schlafmangel und fehlender Erholung kombiniert sind.
3️⃣ 📈 Grafik 1 – Die U-Kurve der Trainingsstunden

4️⃣ Ausdauer vs. Kraft vs. Kombi – was wirkt wie? 💪
🏃♂️ Ausdauertraining
Aerobes Training (Laufen, Rad, Schwimmen) zeigt in Meta-Analysen konstant positive Effekte auf depressive Symptome – meist mittlere Effektstärken.
Besonders wirksam: 2–4 Einheiten/Woche à 30–60 Minuten bei moderater Intensität.
🏋️ Krafttraining
Ein systematisches Review (Carneiro et al., 2020) zeigt: auch reines Krafttraining reduziert depressive Symptome mit klein–bis–moderaten Effekten – v. a. bei betreuten, progressiven Programmen ab 8 Wochen.
🔁 Kombinierte Programme
Kombi aus Ausdauer + Kraft scheint in einigen Analysen am besten abzuschneiden: bessere Stimmung, weniger Schmerzen, bessere Funktion, besserer Schlaf.
5️⃣ 📊 Grafik 2 – Welche Trainingsform wirkt wie?

Alle drei Formen (Ausdauer, Kraft, Kombi) wirken positiv (SMD < 0).
Kombi-Programme liefern tendenziell den größten Gesamtnutzen – sowohl körperlich als auch psychisch.
6️⃣ Praxis nach Sportart & Leistungsniveau 🎯
🏃 Laufsport (Straße)
Einsteiger (0–3 h/Woche)
3×/Woche 20–40 min Lauf/Walk-Run im Wohlfühltempo 🙂
Ziel: Routinen, Spaß, Schlafqualität – nicht Tempo.
Tipp: Nach jeder Einheit 3 Dinge notieren, die dir gut getan haben (Stimmung, Gedanken, Körpergefühl). ✍️
Amateure (4–7 h/Woche)
2 lockere GA1-Läufe, 1 zügiger Lauf (TDL/Fahrtspiel), 1 Stabi/Kraft.
80/20-Regel: maximal 20 % „hart“, 80 % locker.
🏔️ Trailrunning
Naturkontakt 🌲 und Fokus auf den Untergrund wirken oft mental entlastend.
Jede Woche mindestens 1 einfachen, flacheren Lauf einbauen – nicht jeder Lauf muss alpines Abenteuer sein.
Technik & Downhills dosiert steigern, um Stress durch Überforderung zu vermeiden.
🚴 Radsport & Zwift
Längere Einheiten orthopädisch verträglich, gut bei Depression + Gelenkproblemen.
Risiko: „Immer noch eine Einheit“ auf Zwift, oft im Sweetspot → mentaler und physischer Overload.
Empfehlung:
1–2 strukturierte Intervalleinheiten/Woche
Rest bewusst locker 🚲
So oft wie möglich Outdoor im Tageslicht fahren.
🏊♂️ Triathlon
Riesiges Potenzial für Struktur & Selbstwirksamkeit – aber auch hohe Komplexität.
Einsteiger: 2–3 Einheiten/Woche (1× Swim, 1× Bike, 1× Run) reichen.
70.3-Age-Grouper: meist 6–8 Einheiten – mit klaren Ruhetagen.
Langdistanz & Ultra: hier wirst du psychisch & physisch gefordert – Monitoring (Schlaf, Stimmung, HRV) und ehrlicher Austausch sind Pflicht.
7️⃣ Wann aus „gut“ gefährlich wird 🚨
Warnsignale, bei denen du hellhörig werden solltest:
Training ist die einzige Strategie, um Gefühle zu regulieren.
Ruhetage machen dir Schuldgefühle. 😔
Du steigerst Umfänge, obwohl du müde, gereizt oder häufig verletzt bist.
Stimmung, Motivation und Schlaf verschlechtern sich über Wochen, obwohl Training „läuft“.
Dann ist es Zeit, mindestens:
Umfang & Intensität zu reduzieren 🧯
mit jemandem offen darüber zu sprechen
ggf. medizinische/psychotherapeutische Hilfe zu holen
8️⃣ Warum Coaching hier so wertvoll ist 🤝
An der Schnittstelle von Ausdauertraining und psychischer Gesundheit wird es komplex:
Es geht nicht nur um Watt, Pace oder CTL – sondern um Motive, Glaubenssätze und Lebenskontext.
Studien zu Bewegungsprogrammen bei Depression zeigen immer wieder: Begleitung, Struktur und Monitoring entscheiden darüber, ob Bewegung wirklich hilfreich ist oder zusätzlicher Stress wird.
Ein Coach, der sowohl:
sportwissenschaftlich im Radsport, Laufsport, Trailrunning und Triathlon zu Hause ist
und psychologisch (z. B. lösungsfokussiert & hypnosystemisch) arbeitet
kann dir helfen:
deinen persönlichen Optimalbereich an Trainingsumfang zu finden
Warnsignale frühzeitig zu erkennen
Training so zu gestalten, dass es Ressource statt Flucht ist
dich bei Bedarf auch Richtung Therapie/ärztlicher Abklärung zu begleiten
Wenn du spürst, dass du genau an dieser Grenze spielst – leistungsorientiert, aber mit vielen Rollen (Job, Familie, Alltag) – kann ein persönliches Gespräch extrem entlastend und klärend sein. 🌱
👉 Auf aecoaching.at verbinde ich evidenzbasiertes Ausdauer-Coaching mit psychologischem Coaching, damit Sport nicht nur schneller, sondern auch innerlich stabiler macht.
📚 Literatur (Auswahl mit DOI)
Budde H, Dolz N, Mueller-Alcazar A, et al. A 10 years update of effects of exercise on depression disorders—in otherwise healthy adults: A systematic review of meta-analyses and neurobiological mechanisms. PLOS ONE. 2025;20(5):e0317610. doi:10.1371/journal.pone.0317610
Singh B, Olds T, Curtis R, et al. Effectiveness of physical activity interventions for improving depression, anxiety and distress: An umbrella review. Br J Sports Med. 2023;57(16):1045–1055. doi:10.1136/bjsports-2022-106195
Dishman RK, McDowell CP, Herring MP. Customary physical activity and odds of depression: a systematic review and meta-analysis of 111 prospective cohort studies. Br J Sports Med. 2021;55(8):926–934. doi:10.1136/bjsports-2020-103140
Andersen LL, López-Bueno R, Kandola A, et al. Optimal dose and pattern of physical activity to prevent diagnosed depression: prospective cohort study. Psychol Med. 2025;55:e2. doi:10.1017/S003329172400343X
Carneiro L, Afonso J, Ramirez-Campillo R, et al. The effects of exclusively resistance training-based supervised programs in people with depression: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Int J Environ Res Public Health. 2020;17(18):6715. doi:10.3390/ijerph17186715
Colangelo J, Smith A, Buadze A, Keay N, Liebrenz M. Mental Health Disorders in Ultra Endurance Athletes per ICD-11 Classifications: A Review of an Overlooked Community in Sports Psychiatry. Sports. 2023;11(3):52. doi:10.3390/sports11030052
Cody R, Kreppke JN, Beck J, et al. Psychosocial Health and Physical Activity in People With Major Depression in the Context of COVID-19. Front Sports Act Living. 2021;3:685117. doi:10.3389/fspor.2021.685117
Schilling R, Cody R, Kreppke JN, et al. Correspondence between the Simple Physical Activity Questionnaire (SIMPAQ) and accelerometer-based physical activity in inpatients treated for major depressive disorders in comparison to non-depressed controls. Front Sports Act Living. 2024;6:1447821. doi:10.3389/fspor.2024.1447821
Gerber M, Fuchs R, et al. Physical Activity for the Treatment and Prevention of Depression: A Rapid Review of Meta-Analyses. Dtsch Z Sportmed. 2021;72(6):248–257. (DOIs je nach zitierter Meta-Analyse).




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