Fast Responder vs. Low Responder: Warum Training bei manchen „zündet“ – und bei anderen (scheinbar) nicht 🔥🧩
- Alexander Eigner
- 7. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Stell dir zwei Athlet:innen vor: gleiche Sportart, ähnliches Level, derselbe Trainingsplan, 8 Wochen sauber durchgezogen.
Athlet A postet neue Bestzeiten 🚀 – Athlet B fühlt sich fitter, aber die Zahlen bewegen sich kaum. Frust. Zweifel. Und oft der Satz:
„Vielleicht bin ich einfach ein Low Responder… oder sogar ein Non-Responder.“
Die gute Nachricht: Die Forschung ist deutlich differenzierter – und aus Coach-Sicht ist „Responder“ selten eine fixe Eigenschaft, sondern eher ein aktueller Zustand aus Biologie, Dosis, Stress und Messung.
1) Was meint „Responder“ überhaupt? (Und warum das Wort gefährlich ist) ⚠️
In vielen Studien werden Personen im Nachhinein nach dem Training in Gruppen eingeteilt: starke Verbesserer (fast/high responder) vs. schwache Verbesserer (low responder). Das klingt klar – ist aber oft methodisch heikel:
Ein Teil der Unterschiede entsteht durch Messfehler, Tagesform, Test-Setting und Statistik (z. B. Regression zur Mitte).
Es gibt starke Argumente dafür, dass „Non-Response“ häufig eine Dosis-/Design-Frage ist: Bei angepasster Trainingsdosis reagieren viele, die zuvor „nicht reagiert“ haben, plötzlich sehr wohl.
Eine große Praxis-Implikation: Nicht nur einen Outcome messen (z. B. FTP oder 10-km-Zeit), sondern mehrere (Leistung + Physiologie + Ermüdungsmarker + subjektive Belastung).
Heißt: „Low Responder“ ist oft nicht du bist falsch, sondern: Dein aktuelles Setup trifft nicht deine Engpass-Logik.
2) Multidomain-Responder im Radsport 🚴♂️🔬
Eine super spannende aktuelle Arbeit (JFMK 2025) hat genau das gemacht: nicht nur Leistung, sondern mehrere Systeme gleichzeitig betrachtet.
Das Studiendesign in 20 Sekunden
22 trainierte Männer (10 Pros, 12 leistungsstarke Amateure) absolvierten einen maximalen 20-min FTP-Test plus ergänzende Messungen (u. a. Sprungtests, Laktat, CK, Blutdruck/HR-Dynamik).
Wichtig: Pros zeigten u. a. höheres FTP, höhere post-Laktatwerte, höhere CK-Reaktion nach 24h und bessere neuromuskuläre „Recovery“ über den Squat Jump.
Der Clou: 4 Domänen → Profile statt Einzahl ✅
Die Autor:innen definieren „Responder“ domänenspezifisch über Schwellenwerte, z. B.:FTP ≥ 5.5 W/kg, Laktat > 13 mmol/L, CK 24h > 400 U/L, SJ post/pre ≥ 0.90.
Und dann passiert etwas, das Coaches lieben:
Es entstehen mehrere Responder-Profile (nicht nur „gut/schlecht“) – insgesamt acht Profile + „Non-responder“-ähnliches Muster; Pros zeigten häufiger Multi-Domain-Profile.
➡️ Coach-Lektion: Du kannst im Output stark sein, aber neuromuskulär „bezahlen“. Oder metabolisch stark reagieren, aber muskulär/strukturell zu viel Schaden erzeugen. Genau das sind die Fälle, wo Training „komisch“ wirkt.
Abbildung 1: Beispiel für Multidomain-Responder-Profile (konzeptionell)

3) Was die Gesamtforschung sagt: „Non-Responder“ – Mythos oder Realität? 🧠📈
Die große Debatte der letzten Jahre: Sind manche Menschen echte Non-Responder?Die nüchterne Antwort: Kommt drauf an, wie du definierst, misst und dosierst.
Es gibt sehr gute Argumente gegen die Idee „fixer Non-Responder“, besonders wenn man Trainingsdosis anpasst.
Gleichzeitig zeigen Reviews/Meta-Analysen, dass individuelle Unterschiede real sind – aber oft kleiner, als Social Media suggeriert, wenn Messfehler korrekt berücksichtigt werden.
Ein wichtiges Rahmenmodell ist „Precision Exercise Medicine“: Response-Variabilität ist erwartbar, multifaktoriell und sollte geplant statt bewertet werden.
4) Unterschiede nach Sportart: Was zählt wirklich? 🚴♀️🏃♂️⛰️🏊♀️
Radsport
Output-Metriken (FTP/CP) sind stabil messbar – aber: Fatigue-Domänen (CK, Sprung, RPE) sagen oft früher, ob du dich „rauf“ oder „kaputt“ trainierst.
Laufsport (Straße)
Performance hängt stärker an ökonomischen Faktoren (Laufökonomie/Mechanik), nicht nur VO₂max. „Low Responder“ in VO₂max kann trotzdem schneller werden – wenn Ökonomie und Tempoausdauer steigen.
Trailrunning
Downhill/Eccentric load: Du kannst leistungsseitig „responden“, aber strukturell (Sehnen/Muskeln) überlasten → scheinbarer „Low Responder“, weil du nicht konstant trainieren kannst.
Triathlon
Response ist „aufgeteilt“: Schwimmen/Rad/Lauf + Kraft/Stabi + Alltag. Ein System kann sehr gut reagieren, das andere nicht – Gesamtperformance wird aber vom schwächsten Glied begrenzt.
5) Alter & Geschlecht: Gibt es „Responder-Unterschiede“? 👵👨🦱👩🦰
Für VO₂max-Trainierbarkeit zeigt eine große Meta-Analyse zur Sex-Dimorphie: Unterschiede sind möglich, aber pauschale Aussagen („Frauen reagieren schlechter“) sind wissenschaftlich nicht sauber; viel hängt von Protokollen, Ausgangsniveau und Messmethodik ab.
Viele Trainingsstudien sind zudem männlich dominiert, was die Übertragbarkeit einschränkt. Genau das fordert auch die hochgeladene Studie explizit als nächsten Schritt (Validierung bei Frauen).
Bei älteren Athlet:innen ist „Low Response“ häufig weniger „Biologie“ als Recovery-Budget (Schlaf, Stress, Entzündung, Kraftverlust). Die Trainierbarkeit bleibt, aber die Dosis muss präziser und die Regeneration aktiver geplant werden.
6) Praxis: So gehst du als Athlet:in/Coach mit Low Response um 🧰✅
Schritt 1: „Nicht reagieren“ erst beweisen (Testlogik) 🧪
Bevor du dich labelst, kläre:
War die Dosis ausreichend? (Frequenz, Wochenumfang, Intensitätsanteile)
War die Compliance wirklich hoch? (nicht nur „ich war oft trainieren“, sondern Zielintensitäten/Ernährung/Schlaf)
War der Test reliabel? (gleiches Setup, gleiche Bedingungen, mehrere Outcomes)
War die Erholung kompatibel? (Job/Familie/Stress = Trainingskiller Nummer 1)
Schritt 2: Multi-Outcome-Monitoring (Coach-Move) 🎯
Nutze je nach Sportart 2–4 Marker:
Leistung: FTP/CP, 5–20 min Power, 3–10 km Lauf, Schwimm-Tests
Physio/Metabolik: Laktat (wenn verfügbar), HR/HRR, subjektive Beanspruchung
Neuromuskulär: SJ/CMJ, Sprint/Strides, „Leg freshness“
Muskelschaden/Load-Toleranz: (wenn sinnvoll) CK/DOMS/Downhill-Verträglichkeit
Genau diese Logik liefert die Cycling-Studie als praktisches Framework.
Abbildung 2: Warum Re-Design wirkt (und Copy-Paste oft nicht)

7) Konkrete Trainingsimplikationen: Fast vs. Low Responder (Ausdauer + Kraft) 🧠🏋️♂️
A) Fast Responder (verbessert sich schnell) 🚀
Risiko: zu viel „Feuer“ → zu früh zu viel Intensität → Plateaus/Überlastung.
Ausdauer (Rad/Lauf/Tri/Trail):
1–2 Qualitätsreize/Woche reichen oft
Fokus auf Durability (lange, kontrollierte Einheiten)
Intensität nur so viel wie nötig, nicht so viel wie möglich
Kraft:
1–2 kurze, schwere Sessions/Woche (20–40 min) reichen oft, um Robustheit zu stützen
B) Low Responder (verbessert sich langsam) 🐢
Coach-Strategie: eine Stellschraube nach der anderen, 2–4 Wochen testen.
Hebel (in dieser Reihenfolge oft am wirksamsten):
Mehr leichtes Volumen (LIT/Z2) oder mehr Frequenz (kurze Sessions)
Intensitätsdesign (Polarisiert vs. Schwelle vs. HIIT – abhängig von Ziel und Zeitbudget)
Krafttraining gezielt (neuromuskulärer Engpass, Laufökonomie, downhill-resilience)
Recovery-Engineering (Schlaf, Stress, Fueling, „Ruhetag ist Training“)
C) „Non Responder“ (nach 8–12 Wochen keine klaren Effekte) 🧯
Dann wird es klinisch-praktisch:
Testfehler? Krankheit/Infekt? Eisenstatus? Energiedefizit (REDs)? chronischer Stress?
Dosis zu niedrig oder falsche Intensität?
Zielmarker falsch gewählt? (z. B. VO₂max stagniert, aber Ökonomie steigt)
Hier lohnt sich professionelles Coaching besonders: Es geht nicht um „Motivation“, sondern um Diagnostik + Entscheidung unter Unsicherheit.
8) Mini-Beispiele: Mikrozyklen (Auswahl) 📅
Anfänger: 6–8 h/Woche (Zeitbudget realistisch)
Fast Responder:
2× LIT (45–75 min)
1× moderat/Tempo (z. B. 2×10–15 min)
1× Kraft (Ganzkörper, schwer/sauber)
1× optional locker/Technik
Low Responder:
3× LIT (inkl. 1 längere Einheit)
1× kurze Intensität (z. B. 6×2–3 min)
1–2× kurze Kraft/Stabi (20–30 min)
Amateure: 10–12 h/Woche
Fast Responder: 2 Quality + 1 Long + 1 Kraft
Low Responder: 1 Quality + mehr LIT-Frequenz + 2 Kraft (oder Kraft + Plyos/Strides)
Profis: 18–25 h/Woche
Die Frage ist selten „Responder ja/nein“, sondern welche Domäne limitiert (metabolisch vs. neuromuskulär vs. muskulärer Stress) – genau hier ist das Multidomain-Profiling aus der Studie Gold wert.
Fazit: Der „Responder“-Gedanke ist nützlich – wenn man ihn richtig nutzt ✅
Wenn du aus der Responder-Idee nur ein Label machst, wird’s toxisch.
Wenn du sie als Diagnose- und Planungslogik nutzt, wird’s präzise Coaching-Arbeit.
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Literatur (Auswahl) 📚
Odriozola A, Tirnauca C, Corbi F, et al. Physiological Responder Profiles and Fatigue Dynamics in Prolonged Cycling. J Funct Morphol Kinesiol. 2025. DOI: 10.3390/jfmk10040472
Montero D, Lundby C. Refuting the myth of non-response to exercise training. J Physiol. 2017. DOI: 10.1113/JP273480
Ross R, et al. Precision exercise medicine: understanding exercise response variability. Br J Sports Med. 2019. DOI: 10.1136/bjsports-2018-100328
Mann TN, Lamberts RP, Lambert MI. Do non-responders to exercise exist—and if so, what should we do about them? Sports Med. 2019. DOI: 10.1007/s40279-018-01041-1
Renwick A, et al. Standard deviation of individual response for VO₂max: systematic review and meta-analysis. Sports Med. 2024. DOI: 10.1007/s40279-024-02089-y
Meyler S, et al. Biological and methodological factors affecting response variability to endurance training. Exp Physiol. 2021. DOI: 10.1113/EP089565
Diaz-Canestro C, Montero D. Sex dimorphism of VO₂max trainability: systematic review and meta-analysis. Sports Med. 2019. DOI: 10.1007/s40279-019-01180-z
Bonafiglia JT, et al. Inter-individual variability in the adaptive responses to endurance and sprint interval training. PLoS ONE. 2016. DOI: 10.1371/journal.pone.0167790




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