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Double Threshold, the „Norwegian Method“

  • Autorenbild: Alexander Eigner
    Alexander Eigner
  • 9. Dez. 2025
  • 6 Min. Lesezeit

Zwei Schwellen-Einheiten an einem Tag – kaum ein Thema wird im Ausdauersport gerade so heiß diskutiert. 🔥


Und wie immer, wenn etwas gehypt wird, lautet die wichtigste Frage: Was sagt die Wissenschaft – und was heißt das für dich als Praktiker:in?



1️⃣ Was ist „Double Threshold“ überhaupt?


Unter Double Threshold versteht man Trainingstage, an denen zwei Schwellen-Einheiten (also im Bereich zwischen erster und zweiter Laktatschwelle) absolviert werden – meist morgens und nachmittags, getrennt durch 4–7 Stunden Pause. Typischerweise:

  • Intensität ca. 82–87 % HFmax,

  • Laktat ~2–4 mmol/l,

  • subjektive Belastung 12–16/20 Borg-Skala,

  • Umfang pro Einheit: 30–60 Minuten effektive Schwellenzeit in Intervallen.


Die norwegische Trainingsschule nutzt dieses Konzept schon seit den 2000ern, vor allem im Mittel- und Langstreckenlauf. Eine systematische Übersichtsarbeit von Kelemen et al. 2023 beschreibt, dass Topläufer wie die Ingebrigtsens oft:

  • 120–180 km/Woche laufen

  • 70–80 % davon locker (Zone 1)

  • 15–20 % im Schwellenbereich (Zone 2),

  • verteilt u. a. auf 2–4 Double-Threshold-Tage pro Woche, mit Laktatkontrolle.


👉 Wichtig: Double Threshold ist kein reines „hart, hart, hart“-Training, sondern ein System, das versucht, viel Zeit knapp unter der „roten Linie“ zu sammeln, ohne jedes Mal komplett „die Lichter auszuschießen“.



2️⃣ Was sagt die aktuelle Studienlage?


2.1. Norwegische Double-Threshold-Methode – was wissen wir sicher?


Die systematische Review von Kelemen et al. (2023) fasst Trainingsdaten von Weltklasse-Läufer:innen zusammen. Zentrale Punkte:

  • Der Großteil des Trainings ist low intensity.

  • Schwellenarbeit (Zone 2) macht ca. 30–40 km/Woche aus – häufig organisiert als Double-Threshold-Tage.

  • Die Intensität wird konsequent per Laktat und Herzfrequenz gesteuert, um Überlastung zu verhindern.


👉 Aber: Die Arbeit zeigt vor allem Zusammenhänge, keine Ursache-Wirkung-Beweise. Es sind Fall- und Beobachtungsstudien, keine randomisierten Trainingsstudien.



2.2. Lactate-Guided Threshold Interval Training (LGTIT)


Casado et al. 2023 beschreiben ein Modell, in dem 3–4 laktatgesteuerte Schwellen-Intervall-Sessions pro Woche in ein hochvolumiges, überwiegend lockeres Training eingebettet werden (150–180 km/Woche).


Die Autor:innen argumentieren -

Potentielle Vorteile:

  • hohe neuromuskuläre Beanspruchung (hohe Geschwindigkeiten/Leistungen)

  • bei vergleichsweise moderatem metabolischem Stress (Laktat 2–4 mmol/l)

  • bessere Trainierbarkeit der „Durability“ – also die Fähigkeit, über lange Zeiträume Leistung im hohen aeroben Bereich aufrechtzuerhalten.

Einschränkung:

Die Autoren betonen explizit, dass es sich vor allem um ein theoretisches Modell plus Praxisbeispiele handelt – solide Langzeitstudien, die Double-Threshold direkt mit anderen Ansätzen vergleichen, fehlen noch.


2.3. Ein oder zwei Einheiten? Akute Studie 2024


Eine spannende Arbeit von Talsnes et al. (2024) vergleicht direkt:

  • SINGLE: 1x 6×10′ Schwellenintervalle

  • DOUBLE: 2x 3×10′ Schwellenintervalle, getrennt durch 6,5 Stunden


Ergebnisse (bei gut trainierten Athleten, VO₂max ~69 ml/kg/min):

  • In SINGLE steigen Herzfrequenz, Laktat und RPE im Verlauf deutlich an („Duration drift“).

  • In DOUBLE sind HF und Laktat in der zweiten Einheit sogar niedriger als in der ersten.

  • SINGLE führt zu höherer Belastung (höherer Ruhepuls nach der Einheit, höhere sRPE, mehr Ermüdung und Muskelkater am Folgetag).

  • DOUBLE wird subjektiv als weniger belastend empfunden – bei gleicher Gesamtzeit im Schwellenbereich.


👉 Interpretation:

  • 1 lange Schwellen-Session = stärkerer Reiz pro Einheit, höherer Stress.

  • 2 kürzere Schwellen-Sessions = geringerer Stress pro Einheit, potentiell mehr akkumulierbare Schwellenzeit über Wochen.



2.4. Double Threshold im Kontext der Trainingsintensitätsverteilung (TID)


Systematische Reviews zu Trainingsintensitätsverteilungen (polarisiert vs. Schwellenmodell vs. pyramidal) zeigen:

  • Es gibt kein einziges Modell, das in allen Studien überlegen ist.

  • Erfolgreiche Athlet:innen haben fast alle eine hohe Low-Intensity-Basis und relativ wenig echte High-Intensity-Zeit.

  • Schwellentraining hat klar seinen Platz – aber „mehr Schwelle“ ist nicht automatisch besser.


👉 Double Threshold ist also eine Organisationsform innerhalb eines ohnehin hohen Gesamtumfangs – nicht die eine magische Methode.



3️⃣ Pro & Contra Double Threshold – wissenschaftlich und aus Coachsicht


✅ Potentielle Vorteile

Basierend auf Studien & Praxis:

  • Mehr Zeit nahe der Wettkampfintensität, ohne jeden Tag „komplett kaputt“ zu sein

  • Feiner steuerbarer Reiz über Laktat, HF, Pace/Power

  • Geringerer mechanischer Stress pro Einheit als ein sehr langer TDL

  • Kann in Sportarten mit technisch anspruchsvollen Bewegungen (z. B. Laufen) helfen, Qualität hoch zu halten, weil die Ermüdung in einer einzelnen Einheit geringer ist.


❌ Risiken & Grenzen

  • Bisher kaum Interventionsstudien, die eindeutig zeigen, dass Double Threshold klassischen Modellen überlegen ist.

  • Hoher organisatorischer Aufwand (Laktat, zwei Trainingsfenster, Regeneration, Ernährung).

  • Erhöhtes Risiko für kumulierte Ermüdung, Schlafprobleme und Overreaching, wenn Alltag (Job, Familie, Stress) nicht mitgedacht wird.

  • Für Einsteiger:innen fehlt sowohl die Grundlagentoleranz als auch die Bewegungsökonomie, um von so einem Modell zu profitieren.


Abbildung 1: Signal vs. Stress verschiedener Tages-Setups, Hinweis: Die Werte sind schematisch – sie sollen das Konzept veranschaulichen, nicht exakte Messdaten abbilden. Eigne Darstellung
Abbildung 1: Signal vs. Stress verschiedener Tages-Setups, Hinweis: Die Werte sind schematisch – sie sollen das Konzept veranschaulichen, nicht exakte Messdaten abbilden. Eigne Darstellung


4️⃣ Für wen ist Double Threshold sinnvoll – und wie sieht das in der Praxis aus?


Einsteiger:innen (alle Sportarten)

Kurzantwort: 👉 Kein Double Threshold.Stattdessen:

  • solide Ausdauerbasis (2–4 lockere Einheiten/Woche)

  • 1 moderater TDL oder ein kurzes Intervalltraining

  • Fokus auf Technik, Gesundheit, Spaß

Double-Threshold-Tage ergeben erst Sinn, wenn:

  • ein stabiles Wochenvolumen da ist

  • du mindestens 2–3 Jahre regelmäßiges Ausdauertraining hinter dir hast

  • du Training, Schlaf, Arbeit und Familie gut organisiert bekommst.



Ambitionierte Amateure

Hier wird es interessant. 😏


Laufen (Straße, 5k–Marathon)

Sinnvoll, wenn:

  • du 5–7 Laufeinheiten/Woche verträgst

  • du bereits mit TDLs & Intervallen vertraut bist

  • du gezielt an Schwelle & „Durability“ arbeiten willst.


Beispiel-Tag (Fortgeschrittene Läufer:in):

  • Morgens:

    • 3×10′ bei ~HM-Tempo, Laktat 2–3 mmol/l, 2–3′ Trabpause

  • Abends:

    • 10×1000 m bei 10k-Tempo, 1′ Pause, Laktat 2,5–3,5 mmol/l

Zwischendrin: viel trinken, Kohlenhydrate, ggf. kurzer Nap.


Radsport (Straße, Gran Fondo, Zeitfahren)

Auf dem Rad ist die mechanische Belastung geringer, was Double-Threshold etwas „freundlicher“ macht. Trotzdem gilt:

  • sinnvoll für Athlet:innen mit guter Basis und mindestens 8–10 h/Woche Trainingszeit

  • intensive Steuerung über Leistung + HF + idealerweise Laktat


Beispiel-Tag (Amateur-Zeitfahrer:in):

  • Vormittag (Indoor oder bergauf):

    • 4×12′ bei 90–95 % FTP, 3′ locker

  • Nachmittag:

    • 6×8′ bei 95–100 % FTP, 2′ locker

An den Vortagen und Folgetagen: sehr locker fahren.


Trailrunning

Hier bin ich als Coach deutlich vorsichtiger. Trailrunning bringt:

  • höhere exzentrische Belastung

  • mehr koordinierten Stress (Gelenke, Sprunggelenke, Rumpf)


Double-Threshold-Tage können funktionieren, wenn:

  • ein Teil der Einheiten auf moderatem Anstieg oder flachem Trail stattfindet

  • Downhill-Anteile begrenzt werden

  • du insgesamt genügend Kraft und Stabilität hast.


Beispiel-Tag (fortgeschrittene Trailläufer:in):

  • Morgens: 5×8′ bergauf, Trail/Forstweg, zügig, technisch einfach

  • Abends: 12×2′ welliges Gelände, fokus auf Rhythmus & Technik

Ich baue Double Threshold im Trailbereich nur punktuell ein – eher in der Vorbereitungsphase, nicht in der unmittelbaren Wettkampfphase.


Triathlon

Triathlet:innen profitieren besonders, weil:

  • sie ohnehin zweimal am Tag trainieren (z. B. Swim+Bike, Bike+Run)

  • Schwelle im Rad + Laufen stark wettkampfrelevant ist


Mögliche Double-Threshold-Tage:

  • Variante 1 (Bike+Run):

    • Vormittag: 4×10′ Schwelle auf dem Rad

    • Nachmittag: 6×6′ Schwelle Laufen

  • Variante 2 (Run-only in Run-Fokus-Block):

    • Vormittag: 5×6′ HM-Tempo

    • Nachmittag: 10×1 km 10k-Tempo

Wichtig: Triathlet:innen haben hohe Gesamtbelastung – Double Threshold braucht klare Regenerationsplanung und easy days dazwischen.



5️⃣ Was ist mit älteren Athlet:innen (Masters)?

Die spannende Frage: Ist Double Threshold auch 50+ sinnvoll – oder reine Profi-Spielerei?


Was die Studien sagen

  • Reviews zu Altersunterschieden in der Erholung zeigen:

    • Ältere Athlet:innen haben oft ähnliche Leistungs-Erholung,

    • berichten jedoch mehr subjektive Ermüdung und längere Erholungsdauer nach intensiven Einheiten.

  • Langfristig bleibt VO₂max bei Master-Athlet:innen vor allem dann hoch, wenn das Trainingsvolumen einigermaßen gehalten wird.


👉 Interpretation als Coach:

  • Ein gelegentlicher Double-Threshold-Tag kann auch bei Masters funktionieren – wenn:

    • die Basis stimmt

    • Schlaf, Ernährung, Alltag passen

    • zwischen solchen Tagen mindestens 48–72 Stunden ohne schweren Reiz liegen

  • Häufig ist es klüger, für Masters eher mit:

    • zwei lockeren Einheiten oder

    • Kraft + kurze Ausdauer am selben Tag zu arbeiten.



6️⃣ Zwei Einheiten pro Tag – auch bei Grundlagentraining & Kraft sinnvoll?

Double Days sind nicht nur Double Threshold. Es gibt drei sinnvolle Varianten:


6.1. Zwei lockere Einheiten (z. B. Rad oder Laufen)

Die Frontiers-Studie von Talsnes 2024 zeigt, dass zwei kürzere Sessions bei gleicher Gesamtzeit weniger akute Ermüdung und niedrigere innere Belastung verursachen als eine lange – bei moderater Intensität.


Für die Praxis:

  • Zeitknappe Athlet:innen können z. B. 2×45′ statt 1×90′ trainieren.

  • Gerade für Masters kann das Gelenke und Sehnen entlasten und trotzdem genug Volumen aufbauen.


6.2. Kraft + Ausdauer am selben Tag

Systematische Reviews über Concurrent Training (Kraft+Ausdauer) zeigen:

  • Bei mittelalten & älteren Erwachsenen sind Kraft+Ausdauer-Kombis mindestens so effektiv wie Einzeltrainings, sowohl für Herz-Kreislauf-Fitness als auch für Kraft.

  • Ein „Interferenz-Effekt“ (also gegenseitiges Blockieren der Anpassungen) ist vor allem bei Untrainierten und sehr hohen Umfängen relevant.


Praktische Empfehlungen:

  • Wenn der Fokus auf Kraftzuwachs liegt → zuerst Kraft, dann easy Ausdauer.

  • Wenn der Fokus auf Ausdauer-Leistung liegt → zuerst Ausdauer (oder Einheiten trennen: morgens Ausdauer, abends Kraft).

  • Für Masters ist die Kombination oft zeiteffizient und gesundheitlich sehr sinnvoll.



7️⃣ Für wen lohnt Double Threshold wirklich?


✅ Eher geeignet für:

  • gut trainierte Amateure mit

    • stabiler Basis

    • 6–8 h Ausdauertraining/Woche

    • kontrollierbarer Alltagsbelastung

  • Profis & Elite-Athlet:innen mit

    • medizinisch/diagnostisch betreutem Umfeld

    • regelmäßigem Laktat-Monitoring

⚠️ Nur sehr selektiv geeignet für:

  • Master-Athlet:innen mit viel Erfahrung, guter Regeneration & klarer Struktur


❌ Nicht geeignet für:

  • Einsteiger:innen

  • Athlet:innen mit instabilem Alltag, Schlafmangel, Stressüberhang

  • Sportler:innen mit wiederkehrenden Overuse-Verletzungen




8️⃣ Coach’s Corner – warum persönliches Coaching hier Gold wert ist ✨


Aus Coach-Sicht ist Double Threshold kein Tool von der Stange, sondern ein sehr scharfes Werkzeug. Was ein individuelles Coaching leisten kann:

  1. Realistische Einschätzung, ob du überhaupt „Double-Ready“ bist

    • Trainingshistorie, Gesundheitsstatus, Alltag, Schlaf, Stress

  2. Individuelle Intensitätssteuerung

    • Auswahl von Pace/Power, HF-Bereichen, Laktatzielen

    • Abgleich mit subjektiven Werten (RPE, Stimmung, HRV)

  3. Integration in deinen Sport & deine Saison

    • Lauf, Rad, Trail, Triathlon: jeweils andere Anforderungen

    • Blockplanung (z. B. 3–4 Wochen mit Double Threshold, dann Deload)

  4. Frühe Warnsignale erkennen

    • sinkende Motivation

    • schlechter Schlaf

    • Leistungseinbruch

    • „Müde im Kopf“ statt nur müde Beine

  5. Alternativen finden, wenn Double Threshold nicht passt

    • zwei lockere Einheiten

    • Kraft+Ausdauer-Kombination

    • smartere Verteilung von TDLs & Intervallen


👉 Mein Fazit als Coach: Double Threshold kann – richtig eingesetzt – ein hochwirksamer Verstärker in deinem Training sein. Aber die Methode ist eher ein Feintuning für bereits sehr gut strukturierte Athleten als eine Abkürzung für alle.


@AlexEigner 2025 www.aecoaching.at



 
 
 

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