🏃♀️⛰️🚴 Von VDOT zum Trail und aufs Rad? - Was Jack Daniels’ Trainingsphilosophie Ausdauersportler jenseits von Bahn und Straße wirklich bringen kann
- Alexander Eigner
- vor 17 Stunden
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Lesezeit: ca. 9–10 Minuten
Wer sich irgendwann ernsthafter mit Lauftraining beschäftigt, stolpert fast zwangsläufig über Jack Daniels. Und nein – diesmal reden wir nicht über Whiskey. 😉
Daniels hat mit seinem VDOT-System und den Trainingsbereichen E, M, T, I und R Generationen von Läufer und Coaches geprägt. Seine Ideen wurden ursprünglich für klassische Laufdisziplinen entwickelt: Bahn, 5 km, 10 km, Halbmarathon und Marathon. Dort funktioniert das Konzept ausgesprochen elegant: Eine aktuelle Wettkampfleistung liefert einen VDOT-Wert, daraus ergeben sich Trainingsgeschwindigkeiten und jede dieser Geschwindigkeiten verfolgt einen bestimmten physiologischen Zweck.
Aber was passiert, wenn wir die Laufbahn verlassen?
Was macht ein Trailrunner mit einer T-Pace, wenn der nächste Kilometer 180 Höhenmeter hat? Was bedeutet I-Pace auf einem technischen Uphill? Und könnte ein Radfahrer Daniels’ System möglicherweise sogar über Watt statt über min/km nutzen?
Genau da wird es spannend.
Denn meine These ist: Man sollte Jack Daniels nicht kopieren. Man sollte ihn verstehen.
Und wenn man das tut, steckt in seiner Trainingsphilosophie überraschend viel, das auch für Trailrunner, Ultratrail-Athlet und Radfahrer hochaktuell ist.
1. VDOT ist nicht VO₂max – und genau das macht das Konzept interessant 🧪
Beginnen wir mit einem Missverständnis, das sich hartnäckig hält.
VDOT ist nicht dasselbe wie VO₂max.
VDOT ist vielmehr ein leistungsbasiertes Modell, das aus einer aktuellen Laufleistung eine Art funktionellen Fitnesswert ableitet. Zwei Läufer können dieselbe im Labor gemessene VO₂max haben und trotzdem völlig unterschiedliche 10-km-Zeiten laufen. Laufökonomie, Schwelle, Biomechanik und weitere Faktoren bestimmen mit, wie viel Geschwindigkeit aus der vorhandenen aeroben Kapazität tatsächlich entsteht. Genau darauf weist auch Daniels’ heutige VDOT-Plattform ausdrücklich hin.
Und dieser Gedanke ist aktueller denn je.
Die moderne Forschung betrachtet Ausdauerleistung ebenfalls nicht mehr als simples Produkt einer möglichst hohen VO₂max. Running Economy, Schwellenleistung und die Fähigkeit, einen hohen Anteil der maximalen Kapazität über längere Zeit zu nutzen, sind mindestens ebenso relevant. Eine aktuelle große Review zur Laufökonomie unterstreicht beispielsweise deren Bedeutung als eigenständigen Leistungsfaktor.
Für die Trainingspraxis hat Daniels daraus eine ausgesprochen vernünftige Konsequenz gezogen:
Trainiert wird nach der aktuellen Leistungsfähigkeit – nicht nach der erhofften zukünftigen Leistung.
Das klingt banal. Ist es aber nicht.
Wenn du heute 10 km in 42 Minuten laufen kannst, bringt es wenig, deine Intervalle nach der 38-Minuten-Zielzeit zu absolvieren, nur weil du diese in sechs Monaten erreichen möchtest. Du machst aus einem gezielten Trainingsreiz einfach einen härteren Reiz.
Und härter ist nicht automatisch besser.
🗣️ Alex | aecoaching
Genau dieser Gedanke gefällt mir an Daniels besonders gut. Viele ambitionierte Hobbysportler trainieren ständig die Person, die sie gerne wären – statt die Person, die heute tatsächlich trainiert. Wenn aus einem kontrollierten Schwellenreiz jedes Mal ein halbes Rennen wird, hat man nicht besser trainiert. Man hat nur einen anderen Reiz gesetzt.
2. E, M, T, I und R: Eigentlich geht es gar nicht um Pace
Das Spannende an Daniels’ System sind oberflächlich betrachtet die Geschwindigkeiten. Dahinter steckt aber etwas viel Wichtigeres:
Jede Einheit braucht einen Zweck.
Daniels unterscheidet im Wesentlichen zwischen Easy (E), Marathon (M), Threshold (T), Interval (I) und Repetition (R). Die aktuelle VDOT-Dokumentation beschreibt dabei sehr klar, was mit den jeweiligen Belastungen erreicht werden soll.
E – Easy
Easy Running ist locker und „conversation pace“. Es dient dem Aufbau der aeroben Basis und erlaubt gleichzeitig ausreichend Erholung. Daniels gibt bewusst Spielraum und schreibt sogar, dass gerade bei Anfänger oder an manchen Tagen sehr lockeres Training völlig in Ordnung ist.
M – Marathon
M-Pace entspricht ungefähr jener Belastung, die für einen Marathon angestrebt wird. Damit bekommt diese Einheit bereits einen deutlich spezifischeren Charakter.
T – Threshold
Threshold Training liegt laut Daniels ungefähr bei einer Intensität, die unter idealen Bedingungen knapp eine Stunde im Wettkampf gehalten werden könnte. Wichtig ist sein Hinweis: Schneller zu laufen bringt nicht automatisch einen besseren Threshold-Reiz.
I – Interval
I-Training soll die aerobe Leistung bzw. VO₂max stimulieren. Daniels empfiehlt typischerweise Belastungen von etwa einer bis fünf Minuten und betont auch hier, dass die Intensität nicht höher sein muss als jene, die notwendig ist, um den gewünschten aeroben Reiz zu erzeugen.
R – Repetition
R-Training besteht aus kurzen, schnellen Belastungen mit relativ vollständiger Erholung. Das Ziel ist nicht primär metabolischer Stress, sondern Geschwindigkeit, Bewegungsqualität und Laufökonomie.
Und genau hier steckt meiner Meinung nach Daniels’ eigentliche Stärke.
Nicht:
„Laufe exakt 4:07 min/km.“
Sondern:
„Was soll diese Einheit eigentlich bewirken?“
3. Der erste große Transfer: Aus Pace wird Effort ⛰️
Auf der Straße ist Pace praktisch.
Auf dem Trail kann Pace kompletter Unsinn sein.
Nehmen wir einen Läufer mit einer Easy Pace von 5:00 min/km. Auf Asphalt passt das vielleicht wunderbar. Bei 12 % Steigung kann derselbe Athlet plötzlich 8:30 min/km laufen – bei deutlich höherer physiologischer Belastung.
Bergab läuft er möglicherweise 4:20 min/km und erzeugt trotzdem einen völlig anderen muskulären Stress.
Aktuelle Reviews zeigen sehr deutlich, wie unterschiedlich Uphill- und Downhill-Running wirken: Bergauf steigen Sauerstoffbedarf und kardiovaskuläre Belastung, während bergab vor allem die exzentrische Beanspruchung und damit neuromuskuläre Ermüdung und Muskelschädigung zunehmen.
Genau deshalb würde ich Daniels für Trailrunning nicht über Pace, sondern über Effort übersetzen.
Aus:
E-Pace
wird
E-Effort.
Aus T-Pace wird T-Effort.
Aus I-Pace wird I-Effort.
Plötzlich funktioniert das Konzept wieder.
Ein lockerer Trailrun bleibt dann locker – unabhängig davon, ob die Uhr 5:20 oder 8:40 min/km zeigt.
Ein T-Block bergauf wird nicht danach gesteuert, welche Pace am Display steht, sondern danach, ob Intensität und Dauer tatsächlich zum gewünschten Schwellenreiz passen.
Und I-Training kann beispielsweise hervorragend an einem moderaten Uphill stattfinden, solange der Athlet ausreichend Zeit im gewünschten hohen aeroben Belastungsbereich verbringt.
🗣️ Alex | aecoaching
Am Trail interessiert mich die Pace oft erstaunlich wenig. Wenn ein Athlet bei 15 % Steigung versucht, seine Straßenpace irgendwie zu „retten“, wird aus Trainingssteuerung schnell Comedy. 😉 Entscheidend ist der Reiz: Was soll diese Einheit heute entwickeln?

4. Aber Vorsicht: T-Pace ist nicht einfach LT2 – und schon gar nicht FTP
Jetzt kommt eine wichtige Differenzierung.
Man könnte Daniels sehr bequem übersetzen:
T-Pace = Schwelle.
Und beim Rad:
T-Pace = FTP.
Fertig.
Leider ist Physiologie nicht ganz so ordentlich.
Daniels definiert Threshold pragmatisch über eine ungefähr einstündig wettkampffähige Intensität. Physiologische Begriffe wie LT2, MLSS, Critical Speed beziehungsweise Critical Power und FTP beschreiben jedoch unterschiedliche Konstrukte und werden auch unterschiedlich bestimmt.
Sie können nahe beieinander liegen.
Sie sind aber nicht identisch.
Für die Praxis ist das gar kein Problem, solange man versteht, was man trainieren möchte.
Ein Radfahrer könnte Daniels’ T-Idee beispielsweise mit längeren kontrollierten Intervallen nahe seiner individuellen zweiten Schwelle übersetzen.
Aber er sollte nicht glauben:
„Daniels sagt T, also muss ich exakt 100 % FTP fahren.“
Gerade hier hilft moderne Leistungsdiagnostik, Daniels’ ursprüngliche Philosophie noch individueller anzuwenden.
5. Daniels’ I-Training: Erstaunlich modern 🚀
Bei I-Training wird es besonders interessant.
Daniels empfiehlt Belastungen von ungefähr einer bis fünf Minuten, die die aerobe Leistung beziehungsweise VO₂max herausfordern.
Und mehr als drei Jahrzehnte später diskutiert die Sportwissenschaft immer noch über die optimale Länge von VO₂max-Intervallen.
Eine große Netzwerk-Metaanalyse von 2025 mit 51 Studien und 1.261 Athleten bestätigte, dass unterschiedliche Formen von HIIT, Sprint Interval Training und Repeated Sprint Training die VO₂max verbessern können. Interessanterweise lagen effektive HIIT-Arbeitsintervalle in dieser Analyse ungefähr im Bereich von gut zwei Minuten – also durchaus in einer Größenordnung, die Daniels gefallen hätte.
Heißt das, dass 5 × 3 Minuten jetzt die magische Einheit ist?
Nein.
Und genau hier wäre Daniels vermutlich ebenfalls entspannt geblieben.
Denn Ziel ist nicht, eine bestimmte Intervallform zu verehren.
Ziel ist:
genügend hochwertige Zeit bei hoher aerober Beanspruchung zu erzeugen, ohne unnötig zusätzlichen Stress zu produzieren.
Für einen 5-km-Läufer können das flache Intervalle sein.
Für einen Trailrunner Uphill-Intervalle.
Für einen Radfahrer 3- bis 5-minütige Belastungen bei hoher aerober Beanspruchung.
Das Werkzeug ändert sich.
Der Zweck bleibt erstaunlich ähnlich.
6. Und was machen wir jetzt mit R-Training auf dem Rad?
Hier wird eine 1:1-Übertragung endgültig problematisch.
Daniels nutzt Repetition Training, um Geschwindigkeit und Laufökonomie zu entwickeln. Dafür werden kurze schnelle Belastungen mit ausreichend Erholung kombiniert, sodass jede Wiederholung technisch hochwertig bleibt.
Beim Rad gibt es zwar ebenfalls neuromuskuläre und hochintensive Reize – kurze Sprints, hohe Cadence, Antritte oder maximale Beschleunigungen –, aber deren biomechanische und metabolische Anforderungen unterscheiden sich stark vom schnellen Laufen.
Deshalb würde ich R nicht als:
„Repetition Pace fürs Fahrrad“
übersetzen.
Sondern als Prinzip:
Kurzer, qualitativ hochwertiger neuromuskulärer Reiz mit ausreichend Erholung.
Das könnte beim Rad beispielsweise bedeuten:
kurze hochfrequente Beschleunigungen,
wenige hochwertige Sprints,
Cadence-Arbeit,
Technik unter Geschwindigkeit.
Aber die konkrete Einheit muss aus dem Leistungsprofil des Radfahrers entstehen.
Ein Gravel-Athlet braucht etwas anderes als ein Bahnfahrer.
Ein Radmarathonfahrer wiederum etwas anderes als ein Kriteriumsfahrer.
7. Beim Ultratrail stößt VDOT endgültig an seine Grenzen 🏔️
Jetzt kommen wir zum spannendsten Teil.
Nehmen wir zwei Läufer.
Läufer A hat einen VDOT von 58.
Läufer B hat 54.
Wer gewinnt den 100-Meilen-Ultra?
Keine Ahnung.
Und genau das ist der Punkt.
Je länger und technischer ein Wettkampf wird, desto mehr zusätzliche Faktoren bestimmen die Leistung.
Neben VO₂max, Schwelle und Ökonomie kommen unter anderem hinzu:
Durability / Fatigue Resistance
exzentrische Downhill-Toleranz
Power Hiking
Fueling
Flüssigkeitsmanagement
technische Fähigkeiten
muskuläre Robustheit
Pacing
mentale Ermüdungsresistenz.
Die Trailrunning-Forschung zeigt inzwischen sehr deutlich, dass neuromuskuläre Ermüdung aus zentralen und peripheren Komponenten entsteht und sich mit zunehmender Renndauer verändert. Eine aktuelle systematische Review mit 674 Trailrunnern fand bei sehr langen Rennen stärkere Hinweise auf periphere Ermüdung und Muskelschädigung.
Genau deshalb reicht VDOT beim Ultra nicht.
Aber – und das ist wichtig – Daniels’ Trainingslogik kann trotzdem wertvoll bleiben.
Der Athlet braucht weiterhin:
lockere aerobe Arbeit,
Schwellenentwicklung,
hohe aerobe Reize,
Ökonomie und neuromuskuläre Qualität.
Er braucht nur zusätzlich eine weitere Ebene:
Spezifität unter Ermüdung.
8. Beim Rad heißt diese zusätzliche Ebene heute „Durability“ 🚴♀️
Im Radsport sehen wir dieselbe Entwicklung.
Eine FTP von 320 Watt sieht fantastisch aus.
Aber was bringt sie, wenn nach vier Stunden nur noch 260 Watt davon übrig bleiben?
Die aktuelle Durability-Forschung zeigt, dass nicht nur die Menge der vorher geleisteten Arbeit relevant ist, sondern insbesondere deren Intensität. Eine systematische Review aus 2025/2026 fand, dass hochintensive Vorbelastung deutlich schneller zu Leistungseinbrüchen führt als dieselbe oder sogar größere Arbeitsmenge bei niedrigerer Intensität.
Das ist für Radmarathon und Gravel enorm wichtig.
Und es zeigt gleichzeitig, wo Daniels’ System ergänzt werden muss.
E, T und I können einzelne physiologische Systeme hervorragend adressieren.
Ein langes Rennen stellt aber eine zusätzliche Frage:
Wie gut funktioniert dieses System noch nach vier, sechs oder acht Stunden?
Genau hier treffen klassische Trainingsmethodik und moderne Durability-Forschung aufeinander.
9. Was sagt die moderne Forschung zur Trainingsverteilung?
Daniels’ Ansatz besteht nicht daraus, ständig T-, I- und R-Training zu machen. Im Gegenteil: Ein großer Teil des Trainings bleibt locker, während intensive Einheiten gezielt dosiert werden.
Das passt erstaunlich gut zu modernen Erkenntnissen.
Eine aktuelle Individual-Participant-Network-Metaanalyse zur Trainingsintensitätsverteilung zeigte keinen simplen Sieger für alle Athlet; unterschiedliche Modelle können funktionieren, und Trainingsstatus sowie individuelles Profil spielen eine Rolle.
Andere aktuelle Reviews zeigen wiederum gute Effekte einer Kombination aus hohem LIT-Anteil und kleinerem Anteil intensiver Arbeit auf VO₂max und Ökonomie.
Für mich bestätigt das weniger ein bestimmtes Zonenmodell als einen viel älteren Gedanken:
Die meiste Arbeit darf relativ leicht sein. Die harte Arbeit sollte einen klaren Zweck haben.
10. Anfänger, Age-Grouper und Profis: Dasselbe Prinzip – andere Dosis
Für Anfänger würde ich Daniels sehr einfach interpretieren.
Viel E.
Ein bisschen schnelle Bewegungsqualität.
Sehr wenig komplizierte Intensitätssteuerung.
Ein Anfänger braucht selten fünf verschiedene perfekt definierte Trainingsbereiche.
Bei ambitionierten Hobbysportler wird es interessanter.
Hier können T- und I-Reize gezielt eingesetzt werden, aber die verfügbare Regeneration wird entscheidend. Wer zehn Stunden pro Woche trainiert, 40 Stunden arbeitet und Familie hat, kann nicht einfach den Qualitätsanteil eines Profis auf sein kleineres Trainingsvolumen pressen.
Bei Profis wiederum kann die Differenzierung wesentlich feiner werden.
Interessanterweise zeigt eine große Review zur langfristigen Entwicklung von Weltklasse-Ausdauerathlet, dass Verbesserungen über Jahre keineswegs ausschließlich über steigende VO₂max entstehen. Schwellenleistung, Ökonomie und maximale Performance-Indizes entwickelten sich ebenfalls, während die VO₂max-Entwicklung deutlich uneinheitlicher war.
Auch das passt erstaunlich gut zu Daniels.
Nicht eine Zahl macht den Athleten.
Das Zusammenspiel macht ihn.
11. Was ändert sich bei Masters und bei Frauen? 👩🦳👨🦳
Bei Masters würde ich Daniels’ Prinzipien nicht grundsätzlich verändern.
Aber die Dosis und Erholung verdienen mehr Aufmerksamkeit.
Die Forschung zeigt alters- und teilweise geschlechtsabhängige Unterschiede in Recovery-Prozessen, wobei die Daten keineswegs so simpel sind wie „älter = immer längere Pause“.
Besonders spannend ist die aktuelle Forschung zu weiblichen Masters-Athletinnen. Eine neue Scoping Review über Frauen zwischen 40 und 65 zeigt einerseits erwartbare altersbedingte Veränderungen der aeroben Kapazität, andererseits aber große Wissenslücken hinsichtlich Menopause, Lactatkinetik und Ökonomie. Trainingsvolumen scheint ein wichtiger Faktor für den Erhalt der aeroben Leistungsfähigkeit zu sein.
Das heißt für die Praxis:
Nicht „Frauen brauchen ein anderes Daniels-System“.
Sondern:
Wir brauchen mehr Individualisierung.
Und genau das hätte Daniels vermutlich selbst unterschrieben.
12. Wie könnte die Übersetzung konkret aussehen? 🎯
Daniels | Straße | Trail / Ultra | Rad |
E | lockerer Dauerlauf | lockerer Trail / Hike | LIT / lockere Z1–Z2-Ausfahrt |
M | Marathon-Effort | langer spezifischer Race-Effort | Tempo / extensive Ausdauer |
T | Schwellenlauf / Cruise Intervals | kontrollierter Uphill-T-Effort | längere Intervalle nahe individueller Schwelle |
I | 1–5-min-Intervalle | Uphill-VO₂-Intervalle | 2–5-min hohe aerobe Belastung |
R | kurze schnelle Wiederholungen | Strides / kurze Uphill-Reps | neuromuskuläre Sprints / Cadence |
ergänzen | – | Downhill, Hiking, Durability, Fueling | Torque, Durability, Fueling, Race Dynamics |
Diese Tabelle ist keine physiologische Gleichsetzung.
Sie ist eine Übersetzung des Trainingszwecks.
Und genau darin liegt der Unterschied.
Mein Fazit als Coach: Jack Daniels kopieren? Nein. Verstehen? Unbedingt.
Je länger ich mich mit Trainingswissenschaft beschäftige, desto mehr gefallen mir Systeme, die Athlet und Coaches zum Denken zwingen, statt ihnen nur Rezepte zu geben.
Daniels’ größte Leistung war für mich deshalb nicht, für irgendeinen VDOT-Wert eine perfekte 400-m-Zeit auszurechnen.
Seine eigentliche Stärke liegt woanders:
Jede Einheit braucht einen Zweck.
Wenn ich E trainiere, muss E nicht heimlich M werden.
Wenn ich T trainiere, muss T nicht zum Rennen werden.
Wenn ich I trainiere, muss ich nicht schneller fahren oder laufen, nur damit es sich „richtig hart“ anfühlt.
Und wenn ich Qualität trainiere, muss ich danach auch wieder in der Lage sein, den nächsten sinnvollen Reiz zu verarbeiten.
🗣️ Alex | aecoaching
Vielleicht ist genau das die wichtigste Daniels-Lektion für ambitionierte Hobbysportler:innen: Hör auf, Training danach zu bewerten, wie zerstört du danach bist. Frag dich lieber, ob die Einheit genau das ausgelöst hat, was du erreichen wolltest.
Für Trailrunning, Ultratrail und Radsport müssen wir Daniels deshalb übersetzen.
Pace wird zu Effort.
VDOT wird durch zusätzliche Leistungsdiagnostik ergänzt.
Straßenökonomie wird um Uphill- und Downhill-Kompetenz erweitert.
FTP wird um Durability ergänzt.
Und bei langen Rennen kommen Fueling, muskuläre Robustheit und mentale Leistungsfähigkeit dazu.
Aber die Philosophie bleibt bemerkenswert aktuell:
Trainiere das, was du entwickeln möchtest – mit genau so viel Belastung, wie dafür notwendig ist.
Vielleicht brauchen wir im Jahr 2026 also gar nicht immer noch kompliziertere Trainingsmodelle.
Vielleicht müssen wir manchmal einfach wieder besser verstehen, warum wir eigentlich trainieren, was wir trainieren. 😉
Coaching bei aecoaching 🚀
Genau diese Übersetzungsarbeit ist ein zentraler Teil des Coachings bei aecoaching.
Ein Trainingskonzept ist kein fertiger Trainingsplan. Egal ob Jack Daniels, polarisiertes Training, Double Threshold, VO₂max-Blöcke oder moderne Durability-Modelle: Entscheidend ist, was davon zu deiner Sportart, deinem Leistungsniveau, deinem Alter, deinem Alltag und deinem konkreten Ziel passt.
Denn ein Gravelrennen über 200 km verlangt etwas anderes als ein 10-km-Lauf. Ein Ultratrail über 100 Meilen etwas anderes als ein Straßenmarathon. Und ein ambitionierter Age-Grouper mit zehn Stunden Trainingszeit braucht eine andere Lösung als ein Profi mit 25 Stunden.
Genau dort beginnt individuelles Coaching.
Wissenschaftliche Quellen 📚
Daniels, J. – Training Definitions: Easy, Marathon, Threshold, Interval and Repetition Training. V.O2 / Daniels’ Running Formula methodology.
V.O2 – VDOT FAQ: VDOT versus VO₂max and training according to current fitness.
Rosenblat, M. A. et al. (2025). Which Training Intensity Distribution Intervention will Produce the Greatest Improvements in Maximal Oxygen Uptake and Time-Trial Performance in Endurance Athletes? Sports Medicine, 55, 655–673. DOI: 10.1007/s40279-024-02149-3.
Nøst, H. L., Aune, M. A., & van den Tillaar, R. (2024). The Effect of Polarized Training Intensity Distribution on Maximal Oxygen Uptake and Work Economy Among Endurance Athletes. Sports, 12, 326. DOI: 10.3390/sports12120326.
Oliveira, P. S. et al. (2024). Comparison of Polarized Versus Other Types of Endurance Training Intensity Distribution on Athletes’ Endurance Performance. Sports Medicine, 54, 2071–2095.
Cove, B. et al. (2025). The effect of training distribution, duration, and volume on VO₂max and performance in trained cyclists. Journal of Science and Medicine in Sport, 28, 423–434. DOI: 10.1016/j.jsams.2024.12.005.
Van Hooren, B. et al. (2024). The Relationship Between Running Biomechanics and Running Economy: A Systematic Review and Meta-Analysis. Sports Medicine, 54, 1269–1316.
De Waal, S. J. et al. (2021). Physiological indicators of trail running performance: A systematic review.
Sánchez-Jiménez, J. L. et al. (2026). Is intensity the most important factor in determining the amount of prior work accumulated that affects cyclists’ acute durability? European Journal of Applied Physiology, 126, 163–179.
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Downhill running increases markers of muscle damage and impairs maximal voluntary force production (2024). European Journal of Applied Physiology, 124, 1875–1883.
A review of uphill and downhill running: biomechanics, physiology and modulating factors (2025). Frontiers in Bioengineering and Biotechnology.




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