Viele Ziele. Eine RealitĂ€t. đŻ
- Alexander Eigner
- vor 6 Stunden
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Warum nicht alle sportlichen Ziele gleichzeitig zusammenpassen â und wie du trotzdem das Beste daraus machst
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Viele Ausdauersportler:innen wollen nicht nur ein Ziel. Sie wollen mehrere. Einen langen Berg-Radmarathon fahren und bei Kriterien oder einem 10-km-Zeitfahren mithalten. Eine gute 5-km-Zeit laufen und einen Marathon finishen oder sogar schnell laufen. Einen Ultratrail machen und parallel stark am Rad bleiben. Oder Triathlon, Radmarathon und Traillauf in eine Saison packen. Menschlich ist das völlig nachvollziehbar. Trainingswissenschaftlich ist es oft kompliziert. Denn je unterschiedlicher die Ziele werden, desto stÀrker konkurrieren sie um Zeit, Regeneration, SpezifitÀt und Anpassung.
Genau hier kommt das Thema konkurrentes Training ins Spiel. In der engen Definition meint das die Kombination aus Kraft- und Ausdauertraining. In der breiteren Praxis meint es aber auch: mehrere Ziele verfolgen, die physiologisch und leistungsstrukturell nicht ideal zusammenpassen. Die Wissenschaft zeigt inzwischen ziemlich klar: Vieles ist möglich â aber nicht alles gleichzeitig maximal. Und genau das ist fĂŒr AnfĂ€nger:innen, Amateure, ambitionierte Age-Grouper und Coaches die eigentliche Kunst.
Was die Wissenschaft zum âconcurrent trainingâ sagt đ§Ș
Beim klassischen Concurrent Training ist das Bild heute deutlich nuancierter als frĂŒher. Die groĂe Sports-Medicine-Metaanalyse von Huiberts und Kolleg:innen zeigt: Wenn Kraft und Ausdauer kombiniert werden, kann es zu kleinen bis moderaten Interferenzeffekten kommen â vor allem bei unteren Kraftanpassungen in MĂ€nnern. Gleichzeitig bleiben VOâmax-Anpassungen grundsĂ€tzlich möglich, und die Unterschiede hĂ€ngen stark von Trainingsstatus, Zielsetzung und Gestaltung ab. Besonders wichtig: Nicht nur Kraft kann unter Concurrent Training leiden, auch Ausdaueradaptionen sind nicht automatisch immun.
FĂŒr Radsportler ist die Datenlage zu Krafttraining inzwischen ziemlich stark. Die aktuelle Meta-Analyse aus dem European Journal of Applied Physiology zeigt, dass schweres Krafttraining die Radleistung, die Effizienz und die anaerobe Power verbessern kann, ohne dass VOâmax oder MMSS zwingend steigen mĂŒssen. Das ist ein wichtiger Punkt: Besser werden heiĂt nicht immer, dass die âbeliebteâ Kennzahl steigt. Manchmal verbessert sich schlicht die Performance.
Auch fĂŒr LĂ€ufer ist das Thema nicht nur Theorie. Eine 12-wöchige Studie an Freizeit-Ausdauerathleten fand, dass ein auf nicht aufeinanderfolgenden Tagen aufgebautes Concurrent-Programm relevante Leistungsparameter verbessern kann, anstatt automatisch alles zu verwĂ€ssern. Das heiĂt nicht, dass jeder alles parallel trainieren sollte. Es heiĂt nur: Die Kombination ist nicht per se das Problem â die Planung ist es.
Dazu passt die neuere Sequenz-Forschung: Die Effekte der Reihenfolge sind fĂŒr Ausdauerleistungen eher klein und nicht eindeutig, aber die 2025er Review zu Sequenzierung und Mechanismen empfiehlt bei einer Endurance-then-Strength-Kombination einen Abstand von mehr als drei Stunden, um akute molekulare Interferenz zu reduzieren. Praktisch heiĂt das: Wenn du Kraft und Ausdauer kombinierst, dann möglichst mit Struktur â nicht chaotisch nacheinander, weil es sich âgerade ausgehtâ.
Coach Insight â Alex von aecoaching:
Concurrent Training funktioniert oft deutlich besser, als viele glauben. Aber nur dann, wenn die Frage klar beantwortet ist: Was ist der Hauptreiz â und was ist die ErgĂ€nzung?
Wenn nicht nur Kraft und Ausdauer konkurrieren, sondern Ziel gegen Ziel âïž
Noch heikler wird es, wenn nicht zwei Trainingsmethoden, sondern zwei Leistungsziele konkurrieren. Ein 5-km-Ziel und ein Marathon sind beides Laufziele â aber sie verlangen unterschiedliche Profile. Dasselbe gilt fĂŒr Kriterium und 200-km-Bergmarathon, fĂŒr 10-km-Zeitfahren und Langdistanz-Gravel oder fĂŒr einen Ultratrail und einen schnellen StraĂenlauf. Die Grundlogik ist simpel: Je weiter zwei Ziele in ihren Anforderungen auseinanderliegen, desto gröĂer wird der Kompromiss.
Die neue 2026er Review zum Cross-Training zwischen Laufen und Radfahren ist dafĂŒr spannend. Sie fand keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen Run-only und Cycle-only fĂŒr verschiedene VOâmax- und Running-Performance-Outcomes in den eingeschlossenen Studien. Das zeigt: Zentrale Ausdaueranpassungen können sportĂŒbergreifend transferieren. Gleichzeitig bedeutet das aber nicht, dass SpezifitĂ€t ĂŒberflĂŒssig wird. Die gleiche Review betont ausdrĂŒcklich, dass mechanische Last und sportartspezifische Anforderungen unterschiedlich bleiben.
Genau deshalb ist ein Marathon nicht einfach âviel 5-km-Fitnessâ und ein Ultratrail nicht einfach âmehr RadmarathonhĂ€rte zu FuĂâ. Dazu passt die 2023er RCT zu Trail vs. Road Running: Trailrunning setzte in AnfĂ€ngergruppen andere neuromuskulĂ€re Reize als StraĂenlaufen. Wer also StraĂenrennen, Trailziele und vielleicht noch Radsport parallel verfolgt, trainiert nicht einfach drei Varianten desselben Systems, sondern mehrere teils verschiedenartige Systeme zugleich.
Warum Hobby- und Amateursportler trotzdem viele Ziele verfolgen đ§
Weil Menschen keine sauberen Trainingsmodelle sind.
Psychologisch haben mehrere Ziele oft klare Vorteile: Sie schaffen Abwechslung, IdentitÀt, Motivation und Sinn. Die 2020er Studie zu Goal Motives bei Student-Athletes zeigte, dass multiple Zielverfolgung dann mit besserem Wohlbefinden einhergeht, wenn die Ziele mit autonomen statt kontrollierten Motiven verfolgt werden. Anders gesagt: Wer mehrere Ziele verfolgt, weil sie wirklich passen und persönlich bedeutsam sind, erlebt das oft anders als jemand, der nur aus Druck, Vergleich oder FOMO alles gleichzeitig will.
Eine neuere Studie aus Behavioral Sciences zeigt zusĂ€tzlich, dass die Art der Ziele, die Athlet:innen verfolgen, mit ihren Zielprozessen sowie ihrem Wohl- und Missbefinden zusammenhĂ€ngt. Und die Arbeit zu Goal Flexibility und Goal Tenacity zeigt, dass beides â hartnĂ€ckig bleiben und anpassen können â fĂŒr Wohlbefinden und lĂ€ngerfristige Bewegungspraxis wichtig ist. FĂŒr die Praxis ist das Gold: Nicht nur Fokus ist wichtig, sondern auch flexible Zielarbeit.
Interessant ist auch die desire-goal-conflict-Forschung im Ausdauersport: In der 2024/25 publizierten Studie zu erfahrenen Radfahrern und untrainierten Teilnehmern stieg das Verlangen, den Aufwand zu reduzieren, bei Untrainierten schneller an; zugleich sank bei ihnen der Wert des Leistungsziels mit steigender IntensitÀt, wÀhrend er bei Radfahrern in höheren IntensitÀtsbereichen eher anstieg. Das passt gut zur RealitÀt im Hobbybereich: Viele verfolgen viele Ziele, aber ihr Verhalten unter Belastung ist nicht stabil genug, um die Kompromisse sauber zu managen.
Was Coaches dazu sagen đ
Stephen Seiler argumentiert seit Jahren, dass die eigentliche Kunst nicht darin liegt, immer mehr zu machen, sondern Trainingsstress sinnvoll zu verteilen und Dauerhaftigkeit aufzubauen. Seine aktuelle CTS-Perspektive zu athletic durability passt perfekt hierher: Nicht jeder zusÀtzliche Reiz ist sinnvoll, wenn dadurch die Gesamtarchitektur leidet.
Joe Friel betont in seinen aktuellen GesprĂ€chen zu Periodisierung, dass auch fĂŒr Zeit-limitierte Athlet:innen Periodisierung hilfreich bleibt â gerade, weil nicht alles gleichzeitig PrioritĂ€t haben kann. Seine Saisonlogik mit A-, B- und C-Rennen ist fĂŒr Mehrziel-Athlet:innen wahrscheinlich praktischer als jede fancy Metrik.
Olav Aleksander Bu steht in der Triathlon-Praxis fĂŒr einen hoch individualisierten, profilbasierten Ansatz. Die norwegische Erfolgsstory zeigt nicht, dass âalles gleichzeitigâ geht, sondern dass Zielprofile ĂŒber die Zeit sehr prĂ€zise entwickelt werden.
Und Hunter Allen steht wie kaum ein anderer Coach fĂŒr die Idee, begrenzte Trainingszeit maximal zielgerichtet zu nutzen â mit Power, Race Tactics, Skill Development und klarer Priorisierung. Gerade fĂŒr Hobby- und Amateurathlet:innen mit vielen Ideen, aber begrenzter Zeit, ist das eine wertvolle Gegenstimme zum Sammeln von Zielen.

Was in der Praxis oft gut funktioniert
Die einfachste Regel lautet:
Nicht mehrere Hauptziele gleichzeitig. Sondern mehrere Ziele mit klarer Hierarchie.
FĂŒr Hobby- und Amateursportler ist das oft der Sweet Spot. Ein Ziel wird A-Ziel, eines bleibt Nebenprojekt, andere Events dienen als TrainingswettkĂ€mpfe oder Motivationsanker. So wird Vielfalt möglich, ohne dass alles gleichzeitig Spitzenform verlangen muss. Das passt sowohl zur Trainingswissenschaft als auch zur Psychologie: Autonome, geordnete Zielverfolgung ist robuster als diffuse Mehrfachmaximierung.
Bei Kraft plus Ausdauer funktioniert meist: 2â3 Krafteinheiten pro Woche in Off-Season und Basis, spĂ€ter 1â2 Erhaltungseinheiten. Die harte Ausdauersession und die harte Kraftsession sollten nicht zufĂ€llig gegeneinander laufen. In einer Amateurwoche ist âweniger, aber sauberâ fast immer besser als âviel, aber inkonsequentâ.
Bei mehreren Ausdauerzielen funktioniert meist: breite Basis zuerst, SpezifitĂ€t spĂ€ter. Also etwa: Im Herbst/Winter breiter trainieren, Kraft und allgemeine Robustheit aufbauen, dann im FrĂŒhjahr das A-Ziel schĂ€rfen und andere Events auf Erhaltung oder Trainingsnutzen zurĂŒckstufen. Das entspricht sowohl Friels Periodisierungsidee als auch dem individuellen Ansatz, den Bu im Triathlon stark verkörpert.
Beispielhafte Muster
1) Radfahrer:in mit Bergmarathon + kurzer TT-/Kriteriumsambition
Im Winter: viel Grundlage, 2 Kraftsessions, 1 kurze neuromuskulÀre/anaerobe Session.
Im Aufbau: Berg- und Schwellenprofil fĂŒr das Langziel priorisieren, kurze explosive Reize nur erhalten.
Vor dem Bergmarathon: Kriteriums-/TT-Form bewusst zurĂŒcknehmen.
2) LĂ€ufer:in mit 5 km + Marathon
Off-Season: Kraft, Laufökonomie, Schnelligkeit, moderate Long Runs.
Spezifische Phase 1: 5-km-orientiert mit weniger Umfang und mehr Geschwindigkeit.
Spezifische Phase 2: Marathonblock mit höherem Umfang, lÀngeren Schwellenreizen und Long Runs.
Beide gleichzeitig maximal zu wollen, ist fast immer ineffizient.
3) Triathlet:in mit Triathlon + Radmarathon + Trail
Triathlon bleibt A-Ziel. Radmarathon kann in der Basis gut integrierbar sein. Trail kann Robustheit und mentale Frische bringen. Aber je nĂ€her das A-Rennen rĂŒckt, desto mehr muss die Zusatzwelt zur ErgĂ€nzung werden â nicht zur Konkurrenz.

Fazit
Viele Ziele zu haben ist nicht dumm. Es ist menschlich. Und es kann sogar motivierend, gesund und langfristig sinnvoll sein. Aber sportwissenschaftlich gilt trotzdem: Nicht alle Ziele passen gleichzeitig gleich gut zusammen. Concurrent Training funktioniert, wenn Rollen klar sind. Mehrere Ausdauerziele funktionieren, wenn PrioritÀten klar sind. Und Höchstleistung in völlig unterschiedlichen Disziplinprofilen gleichzeitig zu erwarten, ist im Amateurbereich zwar emotional verstÀndlich, aber biologisch teuer.
Die bessere Frage ist deshalb nicht:
âWie kann ich alles schaffen?â
Sondern:
âWofĂŒr will ich in dieser Phase wirklich sehr gut werden?â
Verbindung zu aecoaching đ
Genau an diesem Punkt wird Coaching wertvoll: nicht nur fĂŒr TrainingsplĂ€ne, sondern fĂŒr klare PrioritĂ€ten, realistische Saisonstruktur und psychologisch saubere Zielarbeit.
Auf aecoaching.at verbindet Alex Eigner evidenzbasiertes Coaching fĂŒr Radsport, Laufsport, Trailrunning und Triathlon mit psychologischer Perspektive auf Motivation, Fokus, Alltag und Zielkonflikte. Gerade fĂŒr Athlet:innen mit mehreren Ideen, wenig Zeit und hohem Anspruch ist das oft der Unterschied zwischen âviel trainierenâ und klug entwickeln.
Quellenverzeichnis mit DOI
Huiberts, R. O., WĂŒst, R. C. I., & van der Zwaard, S. (2024). Concurrent Strength and Endurance Training: A Systematic Review and Meta-Analysis on the Impact of Sex and Training Status. Sports Medicine. DOI: 10.1007/s40279-023-01943-9.
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