❤️ HRV im Ausdauersport: genialer Kompass oder völlig überschätzte Zahl?
- Alexander Eigner
- vor 30 Minuten
- 11 Min. Lesezeit
Was die Herzfrequenzvariabilität bei Radsport, Trailrunning und Triathlon wirklich verrät – und wann sie dich ordentlich in die Irre führen kann
Lesezeit: ca. 9 Minuten
Montagmorgen, kurz nach sechs.
Die Uhr sagt: HRV deutlich niedriger als normal.
Der Ruhepuls ist leicht erhöht.
Am Trainingsplan stehen am Abend fünf harte VO₂max-Intervalle.
Also Training streichen?
Vielleicht.
Vielleicht aber auch überhaupt nicht.
Denn genau hier beginnt das Problem mit der Herzfrequenzvariabilität: HRV kann unglaublich wertvoll sein – wenn man versteht, was sie misst. Und mindestens genauso irreführend, wenn man aus einer einzelnen Zahl eine Trainingsentscheidung macht.
Ich sehe im Coaching regelmäßig Athleten, die morgens zuerst auf ihre Uhr schauen und erst danach überlegen, wie sie sich eigentlich fühlen.
Garmin sagt „Recovery schlecht“.
Oura meldet einen niedrigen Readiness Score.
WHOOP ist rot.
Und plötzlich fühlt man sich tatsächlich müde. 😉
Die interessante Frage lautet deshalb nicht:
„Ist HRV sinnvoll?“
Sondern:
Wie viel Information steckt wirklich in der HRV – und welche Information fehlt?
Was misst HRV eigentlich? ❤️↔️❤️
Unser Herz schlägt nicht wie ein Metronom.
Bei einem Ruhepuls von 60 Schlägen pro Minute liegen nicht exakt 1.000 Millisekunden zwischen jedem Herzschlag. Vielleicht liegen zwischen zwei Schlägen 930 ms, danach 1.070 ms, dann wieder 980 ms.
Genau diese Schwankung bezeichnet man als Heart Rate Variability – HRV.
Für das Sportmonitoring wird häufig der sogenannte RMSSD beziehungsweise dessen logarithmierte Variante lnRMSSD verwendet. Diese Größe reagiert vor allem auf die parasympathische Regulation des Herzens – vereinfacht gesagt auf jenen Teil des autonomen Nervensystems, der stark mit Erholung und Regulation verbunden ist. Deshalb ist HRV für Ausdauersportler überhaupt interessant geworden.
Aber bereits hier entsteht das erste Missverständnis.
Eine hohe HRV bedeutet nicht automatisch:
„Ich bin super regeneriert.“
Und eine niedrige HRV bedeutet nicht automatisch:
„Ich bin übertrainiert.“
Marco Altini, einer der bekanntesten Forscher und Praktiker rund um HRV, bringt das ziemlich treffend auf den Punkt: Die sinnvollere Denkweise lautet nicht „higher is better“, sondern „normal is better“. Entscheidend ist also weniger der absolute Wert als deine persönliche normale Bandbreite und deren Entwicklung über mehrere Tage.
Warum HRV trotzdem richtig nützlich sein kann
Wer HRV regelmäßig und unter vergleichbaren Bedingungen misst, bekommt etwas, das wir im Coaching sonst nur schwer objektiv erfassen können:
eine zusätzliche Perspektive auf die Reaktion des Körpers auf Stress.
Und Stress bedeutet dabei nicht nur Training.
Ein hartes VO₂max-Training kann HRV beeinflussen. Ein fünfstündiger Radmarathon ebenfalls. Aber genauso können Krankheit, Alkohol, Reisen, Schlafmangel, Hitze oder psychischer Stress Veränderungen verursachen.
Eine riesige Analyse von Altini und Plews untersuchte mehr als neun Millionen Messungen von über 28.000 Personen. Intensive Trainingstage gingen im Durchschnitt mit sinkender HRV einher. Krankheit reduzierte HRV ebenfalls deutlich. Hoher Alkoholkonsum führte durchschnittlich zu etwa zwölf Prozent niedrigerer HRV und gleichzeitig zu höherem Ruhepuls.
Das macht HRV interessant.
Aber auch gefährlich.
Denn HRV sagt:
„Irgendetwas belastet dein System.“
Sie sagt nicht:
„Es liegt an deinem Training.“
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Beispiel 1: Der Radfahrer nach dem langen Samstag 🚴♂️
Stellen wir uns einen ambitionierten Radmarathonfahrer vor.
Samstag: fünf Stunden Rad, einige längere Bergintervalle, warmes Wetter.
Sonntagmorgen:
HRV deutlich unter der persönlichen Normalrange, Ruhepuls sechs Schläge höher, Körpergewicht 1,3 kg unter dem Ausgangswert, Beine schwer.
Hier ergibt das Bild Sinn.
Die autonome Erholung ist reduziert, gleichzeitig sprechen Ruhepuls, Flüssigkeitshaushalt und subjektive Wahrnehmung dieselbe Sprache.
Den geplanten Sweetspot-Block am Sonntag würde ich ziemlich sicher ersetzen durch lockeres Rollen oder einen Ruhetag.
Nicht wegen der HRV.
Sondern weil mehrere unabhängige Marker gemeinsam dieselbe Geschichte erzählen.
Beispiel 2: Der Trailrunner – HRV grün, Beine kaputt ⛰️
Jetzt wird es interessanter.
Ein Trailrunner absolviert am Wochenende vier Stunden im technischen Gelände mit 1.800 Höhenmetern und sehr vielen Downhills.
Am nächsten Morgen:
HRV normal.
Ruhepuls normal.
Garmin sagt „Ready“.
Der Athlet geht die Stiegen hinunter – und seine Oberschenkel verhandeln bereits über die Kündigung. 😉
Was ist passiert?
HRV bildet primär die autonome Regulation des Herz-Kreislauf-Systems ab. Sie misst nicht direkt lokale Muskelschädigung, exzentrische Ermüdung oder neuromuskuläre Leistungsfähigkeit.
Gerade beim Trailrunning kann deshalb eine völlig unauffällige HRV neben massiv ermüdeter Beinmuskulatur stehen.
Für diesen Athleten sind Muskelkater, Bewegungsqualität, subjektive Beinfrische und möglicherweise ein einfacher neuromuskulärer Test in diesem Moment wichtiger als die HRV.
Das ist eine der entscheidenden Grenzen des Systems.
HRV misst nicht „Recovery“. HRV misst einen Teil von Recovery.
Beispiel 3: Triathletin – niedrige HRV trotz perfektem Trainingsplan 🏊♀️🚴♀️🏃♀️
Eine ambitionierte Langdistanz-Triathletin trainiert strukturiert.
Die Trainingsbelastung der letzten Tage war eigentlich moderat.
Trotzdem sinkt ihre HRV drei Tage hintereinander.
Der klassische Fehler wäre:
„Das Training ist zu hart.“
Im Gespräch stellt sich aber heraus:
Projektabschluss im Beruf.
Zwei Nächte mit weniger als sechs Stunden Schlaf.
Spätes Abendessen.
Hoher mentaler Druck.
Hier ist die Trainingsbelastung möglicherweise gar nicht das Hauptproblem.
Die Gesamtbelastung ist es.
Genau deshalb finde ich HRV gerade bei ambitionierten Hobbysportlern oft besonders spannend: Sie macht manchmal sichtbar, dass der Körper nicht zwischen Trainingsstress und Lebensstress unterscheidet.
Die Forschung zum beruflichen Stress unterstützt dieses Bild. Systematische Reviews zeigen eine Verbindung zwischen höherer beruflicher Belastung und reduzierter parasympathischer HRV. Akuter beruflicher und kognitiver Stress kann HRV ebenfalls reduzieren, wobei die individuellen Reaktionen beträchtlich sind.
Schlaf: Warum eine schlechte Nacht deine HRV verändern kann 😴
Schlaf und HRV werden gerne miteinander gleichgesetzt.
„Schlecht geschlafen = schlechte HRV.“
Ganz so einfach ist es nicht.
Studien zeigen zwar, dass Schlafrestriktion die autonome Regulation verändern kann. Eine Untersuchung mit fünf Stunden Schlaf fand beispielsweise höhere Herzfrequenz und teilweise reduzierte HRV-Werte. Andere Studien finden jedoch je nach Schlafphase, Messzeitpunkt und Protokoll deutlich kleinere oder uneinheitliche Effekte.
Auch Wearable-Daten sollte man deshalb nicht überinterpretieren. In einer Untersuchung mit Militärpersonal war nächtliche HRV nur ein kleiner Prädiktor der wahrgenommenen körperlichen Fitness am nächsten Morgen und sagte die mentale Fitness nicht zuverlässig voraus.
Für mich folgt daraus eine sehr einfache Praxisregel:
Wenn du wissen möchtest, ob jemand gut geschlafen hat, frag zuerst nach dem Schlaf.
Die HRV darf diese Information ergänzen.
Sie sollte sie nicht ersetzen.
Hydrierung: Eine unterschätzte Störvariable 💧
Nach einem heißen Radmarathon oder langen Trail kann eine schlechte HRV natürlich als Trainingsstress interpretiert werden.
Aber vielleicht bist du schlicht noch ordentlich dehydriert.
Eine aktuelle Untersuchung aus 2026 zeigte bei trainierten Männern, dass Dehydrierung mit reduzierter parasympathischer und erhöhter sympathischer Aktivität einherging. Die Studie wurde nach einem Krafttraining durchgeführt, weshalb wir die Größenordnung nicht einfach auf Radmarathon oder Ultratrail übertragen dürfen. Sie zeigt aber deutlich, dass der Hydrierungsstatus HRV beeinflussen kann.
Gerade nach langen Rennen würde ich deshalb HRV immer gemeinsam mit Dingen wie Körpergewicht, Durst, Urinfarbe, Ruhepuls und dem tatsächlichen Flüssigkeitsverlust betrachten.
Eine niedrige HRV am Morgen nach einem heißen Ironman bedeutet schließlich nicht automatisch:
„Mein Nervensystem braucht fünf Tage Pause.“
Vielleicht braucht dein Körper zunächst einmal Wasser, Natrium, Kohlenhydrate und Schlaf.
Nahrung: HRV ist kein Fueling-Sensor 🍝
Auch Ernährung beeinflusst die autonome Regulation.
Allerdings ist die Datenlage wesentlich weniger eindeutig, als viele Recovery-Apps suggerieren. Art, Menge und Zeitpunkt einer Mahlzeit können die Herzfrequenz und autonome Aktivität verändern. Deshalb gehören standardisierte Bedingungen zu einer vernünftigen HRV-Messung. Die aktuelle Methodikliteratur nennt Ernährung ausdrücklich als einen Einflussfaktor, den man bei der Interpretation berücksichtigen sollte.
Noch wichtiger:
Mit HRV lässt sich keine Low Energy Availability diagnostizieren.
Ein Athlet kann zu wenig essen und trotzdem eine völlig normale HRV haben. Umgekehrt kann HRV niedrig sein, obwohl die Energiezufuhr hervorragend ist.
Gerade bei Radsport, Trail und Triathlon würde ich deshalb Trainingsdaten mit realer Energie- und Kohlenhydratzufuhr, Körpergewichtsverlauf, Stimmung, Leistungsentwicklung und – bei Frauen – gegebenenfalls Veränderungen des Zyklus kombinieren. Die Forschung zu Low Energy Availability zeigt ohnehin, wie komplex die Beziehung zwischen Energieversorgung, Performance und Erholung ist.

Die vielleicht größte HRV-Falle: „Meine HRV ist hoch – also bin ich fit.“
Das ist einer meiner Lieblingsfehler.
Denn eine steigende HRV kann tatsächlich mit positiver Ausdaueranpassung zusammenhängen.
Muss sie aber nicht.
Bei stark ermüdeten Ausdauerathleten kann es auch zu parasympathischer Hyperaktivität kommen. Vereinfacht gesprochen kann die HRV dann ungewöhnlich hoch sein, obwohl die Leistungsfähigkeit gerade nicht optimal ist.
Eine Meta-Analyse zu funktionell überreizten Athleten zeigte genau diese Problematik: Isolierte HRV-Messungen waren wenig zuverlässig, während längerfristige Trends und weitere Herzfrequenzmarker deutlich informativer waren.
Deshalb:
„Hoch“ ist nicht automatisch gut.
Genauso wie „niedrig“ nicht automatisch schlecht ist.
HRV-geführtes Training: Funktioniert das überhaupt?
Hier wird es besonders spannend.
Mehrere Studien haben versucht, intensive Trainingseinheiten nicht nach einem starren Wochenplan, sondern abhängig von der individuellen HRV zu platzieren.
Die Ergebnisse sind interessant – aber deutlich weniger spektakulär als manche Apps versprechen.
Eine systematische Review mit Meta-Analyse fand einen moderaten Vorteil HRV-gesteuerten Trainings bei submaximalen physiologischen Parametern. Bei VO₂peak und tatsächlicher Performance waren die Vorteile gegenüber klassischen Trainingsplänen dagegen klein und statistisch nicht eindeutig.
Bei professionellen Läufern zeigte ein achtwöchiger HRV-gesteuerter Ansatz positive Veränderungen einiger Leistungsparameter – die Stichprobe bestand allerdings nur aus zwölf Athleten.
Noch interessanter finde ich eine Studie mit Freizeitläufern aus 2023.
Dort wurde Training entweder nach HRV, nach einem subjektiven Stressfragebogen oder nach einem fixen Plan gesteuert.
Der subjektiv gesteuerte Ansatz schnitt teilweise sogar besser ab als die HRV-Steuerung. Die Autor schlagen deshalb ausdrücklich vor, beide Informationen miteinander zu kombinieren.
Und genau das entspricht ziemlich genau meiner Coaching-Erfahrung.
🗣️ Alex | aecoaching
HRV ist für mich ein Kompass – aber kein Trainingsbefehl. Wenn die HRV rot ist und der Athlet sich hervorragend fühlt, schaue ich genauer hin. Und wenn die HRV grün ist, aber Motivation, Schlaf und Beine völlig im Keller sind, gewinnt nicht die Uhr.
Was sagen andere Coaches?
Dan Plews gehört zu den bekanntesten HRV-Forschern im Ausdauersport und arbeitet gleichzeitig als Coach mit Weltklasse-Triathleten. Seine praktische Botschaft ist bemerkenswert nüchtern:
„HRV is not the silver bullet.“
Für Plews entsteht der Nutzen vor allem dadurch, HRV im Trainingskontext und relativ zur individuellen Baseline zu beurteilen. Ein HRV-Wert ohne Wissen darüber, was ein Athlet in den Tagen davor trainiert hat, ist für ihn deutlich weniger aussagekräftig.
Jason Koop, einer der bekanntesten Ultratrail-Coaches, bezeichnet HRV mittlerweile als einen der vielversprechenderen Readiness-Marker. Gleichzeitig zeigt er anhand seiner Athletin Katie Schide eine wichtige Realität des Rennsports: Vor ihrem UTMB-Sieg sank die HRV massiv. Wäre es ein normaler Trainingstag gewesen, hätte man vermutlich reduziert. Am Renntag läuft man trotzdem. Sie gewann UTMB.
Genau solche Beispiele sind wichtig.
Denn Daten liefern Information.
Entscheidungen benötigen Kontext.
Alter und HRV: Warum der Vergleich mit dem Trainingspartner wenig bringt
HRV verändert sich mit dem Alter.
In der großen Free-Living-Analyse von Altini und Plews sank HRV deutlich mit zunehmendem Alter. Andere große Bevölkerungsdaten zeigen ebenfalls einen ausgeprägten Alterseffekt.
Für einen 58-jährigen Radfahrer ist deshalb völlig irrelevant, dass der 27-jährige Trainingspartner eine RMSSD von 95 ms hat.
Vielleicht liegt seine persönliche stabile Baseline bei 38 ms.
Und vielleicht ist genau dieser Wert für ihn hervorragend.
Das ist einer der Gründe, warum ich HRV praktisch nie zwischen Athleten vergleiche.
Interessanter ist:
Wie sieht dein normaler Bereich aus?
Wie stabil ist er?
Und wie verändert er sich im Zusammenhang mit Training und Leben?
Und Frauen? 👩🦰
Auch hier sollte man nicht vorschnell vereinfachen.
Die Literatur zu allgemeinen Geschlechtsunterschieden ist nicht völlig konsistent. In der großen Analyse von mehr als 28.000 Personen fand sich praktisch kein Unterschied der HRV zwischen Frauen und Männern. Andere große Bevölkerungsanalysen fanden dagegen höhere RMSSD-Werte bei Frauen.
Hinzu kommt der Menstruationszyklus.
Altini und Plews fanden Unterschiede der HRV zwischen follikulärer und lutealer Phase von durchschnittlich etwa drei Prozent. Das ist auf Populationsebene messbar, individuell aber sehr unterschiedlich.
Bei akutem psychosozialem Stress fand eine Meta-Analyse zudem eine etwas stärkere parasympathische HRV-Reduktion bei Frauen als bei Männern.
Die praktische Konsequenz daraus lautet nicht:
„Frauen brauchen andere HRV-Grenzwerte.“
Sondern:
Persönliche Langzeitdaten werden noch wichtiger.
Gerade rund um Zyklus, Perimenopause oder individuell stark schwankende Symptome sollte man HRV gemeinsam mit subjektiven Angaben interpretieren und nicht isoliert.
Welche Daten sind mindestens genauso wichtig wie HRV?
Wenn ich einen Athleten betreue, möchte ich nie nur eine Kennzahl sehen.
Eine sinnvolle Monitoring-Struktur sieht eher so aus:
Parameter | Was er besonders gut zeigt |
HRV / lnRMSSD | autonome Reaktion auf Gesamtstress |
Ruhepuls | Krankheit, Hitze, Dehydrierung, Belastungsreaktion |
Schlafdauer | tatsächliche Recovery-Gelegenheit |
subjektive Müdigkeit | oft erstaunlich sensibler Marker |
Motivation / Stimmung | psychische Belastung und Overreaching |
Muskelkater | lokale muskuläre Ermüdung |
Power/Pace bei submaximaler Belastung | reale sportartspezifische Leistungsfähigkeit |
Herzfrequenz bei gleicher Leistung | Effizienz und akute Belastung |
RPE | interne Belastung |
Körpergewicht / Hydrierung | Flüssigkeits- und Energiehaushalt |
Und dann wird es spannend.
Denn häufig liefert nicht ein einzelner Wert die Antwort.
Das Muster liefert sie.
Eine niedrige HRV bei normalem Ruhepuls, perfektem Schlaf, guter Stimmung und starken Trainingswerten interessiert mich wenig.
Eine niedrige HRV plus erhöhter Ruhepuls plus schlechter Schlaf plus reduzierte Motivation plus ungewöhnlich hohe Herzfrequenz bei Easy Pace interessiert mich sehr.
Drei praktische aecoaching-Fälle
Fall A – „Garmin sagt Pause“
Ein 44-jähriger Radfahrer misst morgens eine deutlich niedrigere HRV.
Am Abend wäre Threshold geplant.
Die Nacht war gut, Ruhepuls normal, Beine frisch, Motivation hoch.
Am Vortag fand lediglich eine späte geschäftliche Abendveranstaltung statt.
Nach 15 Minuten Warm-up sind Herzfrequenz und Leistung völlig normal.
Entscheidung: Einheit durchführen, eventuell ersten Intervallblock beobachten.
Die einzelne HRV-Messung verliert gegen das Gesamtbild.
Fall B – „Alles grün, aber der Athlet ist leer“
Eine 39-jährige Trailrunnerin hat normale HRV und normalen Ruhepuls.
Sie meldet aber seit vier Tagen schlechte Motivation, schwere Beine und schlechten Schlaf. Ihre Easy Pace kostet fünf bis acht Herzschläge mehr als normalerweise.
Entscheidung: Belastung reduzieren.
Hier wäre es ein Fehler, der grünen HRV mehr zu glauben als vier anderen Warnsignalen.
Fall C – Ironman-Build
Ein 51-jähriger Triathlet befindet sich in einem starken Trainingsblock.
Seine tägliche HRV schwankt, aber die Sieben-Tage-Baseline bleibt stabil innerhalb der persönlichen Normalrange.
Ruhepuls stabil.
Schlaf stabil.
Leistung im Radtraining steigt.
Subjektives Belastungsempfinden normal.
Entscheidung: Training weiterführen.
Genau hier kann HRV beruhigend wirken. Hohe Trainingsbelastung bedeutet nämlich nicht automatisch schlechte Erholung. Wenn der Körper gut adaptiert, muss die HRV nicht abstürzen.
So würde ich HRV in der Praxis messen
Wenn du HRV verwenden möchtest, dann möglichst unspektakulär.
Miss regelmäßig unter denselben Bedingungen. Eine kurze Messung in der Früh direkt nach dem Aufwachen kann funktionieren, ebenso validierte nächtliche Messungen. Entscheidend sind Konsistenz, gleiche Körperposition, vergleichbare Messdauer und ein ausreichend zuverlässiges Gerät. RMSSD beziehungsweise lnRMSSD ist für die Sportpraxis meist die sinnvollste Kennzahl.
Eine einzelne Messung interessiert mich wenig.
Nach einigen Wochen entsteht dagegen deine persönliche Baseline.
Dann betrachten wir eher die 7-Tage-Entwicklung, den Normalbereich und gegebenenfalls die tägliche Schwankung als die Frage, ob heute „58 oder 64“ am Display steht. Genau dieses Vorgehen empfehlen auch aktuelle Reviews zur praktischen HRV-Nutzung.
Mein Fazit: HRV messen? Ja. HRV gehorchen? Nein. ❤️
Ich mag HRV.
Gerade bei ambitionierten Ausdauersportlern kann sie ein ausgesprochen nützliches Werkzeug sein.
Sie hilft uns, Reaktionen auf Belastung zu sehen.
Sie kann Stress sichtbar machen, bevor wir ihn bewusst wahrnehmen.
Sie kann bei der Entscheidung helfen, ob ein harter Trainingsreiz heute oder morgen sinnvoller ist.
Und sie kann langfristige Anpassungsmuster zeigen.
Aber HRV ist kein Recovery-Messgerät.
Sie misst weder Muskelermüdung noch Glykogenspeicher, Motivation, Schlafqualität, Hydrierung oder Leistungsfähigkeit direkt.
Und vor allem:
Sie kennt die Ursache ihrer eigenen Veränderung nicht.
Darum ist für mich die sinnvollste Kombination:
HRV + Ruhepuls + subjektives Gefühl + Schlaf + sportartspezifische Leistungsdaten + Gespräch.
Nicht besonders sexy.
Aber ziemlich wirkungsvoll.
Und vielleicht ist genau das der wichtigste Punkt beim heutigen Self-Tracking:
Wir brauchen nicht immer noch mehr Daten.
Wir müssen lernen, die vorhandenen Daten g'scheit einzuordnen. 😉
Alex | aecoaching
Ein guter Coach fragt nicht: „Was sagt deine HRV?“ Er fragt: „Was sagt deine HRV – und passt das zu dem, was dein Körper und dein Leben gerade erzählen?“
Genau so verwenden wir HRV auch bei aecoaching: nicht als automatischen Trainingsschalter, sondern als einen Baustein in einer individuellen Trainingssteuerung für Radsport, Lauf/Trail und Triathlon.
Wissenschaftliche Quellen 📚
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Praxis- und Coach-Quellen
Jason Koop (2025): Practical Heart Rate Variability Recommendations for Ultrarunners. CTS.
Marco Altini: Daily score, baseline and normal range sowie The Big Picture. HRV4Training.
Dan Plews: praktische Anwendung von HRV im Triathlon und Ausdauertraining.




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