Die Trainings-Revolution für Ultratrails: Warum die Kombination aus Rad- und Lauftraining dich unaufhaltbar macht 🏃♂️🚴♀️
- Alexander Eigner
- vor 15 Minuten
- 7 Min. Lesezeit
Lesezeit: ca. 7 Minuten
Du opferst deine Wochenenden für lange Läufe, investierst jede freie Minute nach der Arbeit in deine Laufschuhe und trotzdem merkst du ab Stunde vier im Trail, wie deine Beine schwer werden wie Blei? Du bist ambitioniert, sammelst tonnenweise Kilometer und läufst dennoch Gefahr, dich im ewigen Kreislauf aus Überlastungsverletzungen und Leistungsplateaus zu verfangen.
Die moderne Sportwissenschaft zeigt uns: Der Schlüssel zu extremer Trail-Ausdauer liegt nicht darin, noch mehr zu laufen — sondern das Rad intelligent einzubinden.
Gerade für ambitionierte Amateurathleten mit begrenzter Zeit ist das ein Gamechanger. Denn dein Trainingsziel ist nicht nur „mehr Kilometer“, sondern vor allem mehr hochwertige aerobe Belastung, bessere Ermüdungsresistenz und ein Bewegungsapparat, der diese Belastung langfristig verträgt.
1. Kardiovaskulärer Transfer: Warum dein Herz nicht weiß, ob du läufst oder radelst
Eines der am intensivsten erforschten Themen in der aktuellen Trainingswissenschaft ist die Trennung zwischen zentralen und peripheren Anpassungen. Vereinfacht gesagt: Das Herz-Kreislauf-System passt sich auf einer anderen Ebene an als Sehnen, Gelenke, Muskulatur und Laufökonomie.
Deine maximale Sauerstoffaufnahme (VO₂max) ist ein wesentlicher Motor deiner Leistungsfähigkeit. Eine zentrale Erkenntnis aus der Forschung: Hochvolumiges Radtraining im aeroben Bereich stimuliert zentrale Faktoren wie Schlagvolumen, Herzzeitvolumen und Kapillarisierung in einer Weise, die dem Lauftraining sehr nahekommt. Die Übersichtsarbeit von Millet et al. zeigt genau diesen Punkt deutlich auf: Für viele zentrale Anpassungen ist es weniger entscheidend, wie du den aeroben Reiz setzt, sondern dass du ihn ausreichend umfangreich und regelmäßig setzt.
Für den Ultratrail ist das entscheidend. Dein metabolisches System verlangt nach Reizen von 12, 15 oder mehr Stunden pro Woche. Würdest du diese Umfänge rein laufend absolvieren, kollabiert deine Orthopädie früher oder später unter der Summe der exzentrischen Stöße.
Hier liegt die große Stärke des Rads: Du kannst dein aerobes Fundament massiv ausbauen, ohne den Bewegungsapparat in gleichem Maß zu verschleißen.
🗣️ Alex, Coach von aecoaching.at, meint dazu:
Viele Amateure glauben, sie müssten jede Stunde im Training laufen, um ein besserer Ultraläufer zu werden. Ein fataler Irrtum. Dein Herz-Kreislauf-System unterscheidet nicht, ob du die Kurbel drückst oder den Trail hochläufst. Mit dem Rad können wir dein aerobes Fundament deutlich vergrößern — bei sehr geringem orthopädischem Risiko.
Durch die gezielte Verlagerung von Grundlageneinheiten auf das Rennrad oder den Smart-Trainer nutzt du den Low-Impact-Vorteil. Du triggerst die mitochondriale Biogenese in den Slow-Twitch-Fasern und stärkst die aerobe Basis, ohne Sehnen und Gelenke zusätzlich zu überlasten.
2. Durability statt nur Fitness: Warum Ultratrail mehr verlangt als eine starke VO₂max
In der modernen Ausdauerwissenschaft taucht immer häufiger ein Begriff auf, der für Ultratrail-Athleten enorm wichtig ist: Durability.
Damit ist die Fähigkeit gemeint, über viele Stunden hinweg eine hohe Leistung aufrechtzuerhalten, obwohl Ermüdung, Energiemangel, Muskelschäden und koordinative Einbußen längst einsetzen. Genau das ist im Ultratrail oft der entscheidende Unterschied.
Denn ein Rennen wird nicht nur über frische Beine entschieden. Es wird darüber entschieden, wie gut du nach fünf, sieben oder zehn Stunden noch arbeiten kannst. Wie sauber deine Schrittlänge bleibt. Wie effizient du bergauf gehst. Wie stabil deine Laufökonomie unter Vorermüdung ist.
Hier kommt Cross-Training ins Spiel. Das Rad liefert hohe aerobe Reize, ohne die mechanischen Schäden zu erzeugen, die ein zusätzliches Laufvolumen fast zwangsläufig mitbringt. So kannst du die Durability gezielt verbessern, ohne das Verletzungsrisiko unnötig zu steigern.
Das ist kein „Ersatztraining“ im klassischen Sinn. Es ist ein strategischer Baustein im Aufbau eines widerstandsfähigen Ausdauerathleten.
3. Was Trainingsforscher wie Stephen Seiler seit Jahren zeigen
Stephen Seiler hat mit seiner Forschung zur Intensitätsverteilung im Ausdauertraining einen der wichtigsten Denkrahmen für moderne Trainingssteuerung geliefert. Seine Analysen zeigen immer wieder: Erfolgreiche Ausdauersportler verbringen einen großen Anteil ihres Trainings im niedrigen Intensitätsbereich.
Das ist kein Zufall. Der niedrige Intensitätsbereich ist die Zone, in der du viel Volumen sammeln kannst, ohne ständig an die Grenzen der Regeneration zu gehen. Für Spitzensportler ist das Standard. Für ambitionierte Amateure ist es oft die einzige realistische Möglichkeit, wirklich genug Umfang zu vertragen.
Und genau hier ist das Rad so wertvoll:
Mit Laufen stößt du früh an orthopädische Grenzen.
Mit Radfahren kannst du sehr viel mehr Zeit im aeroben Bereich verbringen.
Das bedeutet: mehr Trainingszeit, mehr Stoffwechselreiz, mehr mitochondriale Anpassung — bei gleicher oder sogar geringerer mechanischer Belastung.
4. Warum Kilian Jornet nicht nur läuft
Viele Hobbyläufer stellen sich Weltklasse-Ultraläufer so vor, als würden sie einfach nur unendlich viele Kilometer laufen. Die Realität ist deutlich smarter.
Athleten wie Kilian Jornet nutzen in vielen Phasen des Jahres gezielt andere Ausdauerformen wie Skibergsteigen, Langlauf, Bergsteigen oder Radfahren. Warum? Weil der aerobe Transfer enorm hoch ist, während die Laufbelastung in diesem Umfang sonst kaum nachhaltig wäre.
Das Prinzip dahinter ist klassisch und hochwirksam: Erst wird der Motor aufgebaut, dann wird die Spezifik geschärft.
Für dich als Amateur bedeutet das ganz konkret: Du musst unter der Woche nicht jeden Reiz laufend setzen. Du kannst dein aerobes Volumen stressfrei auf dem Smart-Trainer oder Rennrad aufbauen und dir die spezifischen Laufreize für den Trail, den Berg und den Wettkampf sparen.
5. Der Bergauf-Transfer: Wie Low-Cadence-Intervalle deine Uphill-Performance boosten
Im Ultratrail geht es nicht nur darum, schnell zu laufen. Es geht darum, bergauf ökonomisch zu arbeiten. Wenn es steil wird, wechseln viele Athleten ohnehin ins Power Hiking. Aus biomechanischer Sicht verändert sich damit die Belastung deutlich: Die Flugphase verschwindet, die exzentrische Komponente sinkt und die Bewegung wird stärker konzentrisch geprägt.
Genau deshalb ist Radtraining mit niedriger Trittfrequenz so interessant. Low-Cadence-Intervalle und K3-artige Belastungen können die kraftausdauerorientierte Fähigkeit verbessern, Druck am Berg zu machen, ohne dass du dafür hunderte Höhenmeter im Downhill „bezahlen“ musst.
Sabatier et al. beschreiben solche Transfers sehr passend: Spezifisches Kraftausdauertraining auf dem Rad kann die muskuläre Ermüdungsresistenz in bergähnlichen Belastungen verbessern. Für Trailrunner ist das ein echter Vorteil, weil du damit die Muskelgruppen trainierst, die du am Berg brauchst, während du die Stoßbelastung niedrig hältst.
Praktische Einheit: Der Uphill-Power-Builder
Warm-up:
15 Minuten locker einfahren bei hoher Trittfrequenz.
Hauptteil:
4 × 8 Minuten im oberen Zone-3- oder Entwicklungsbereich bei bewusst niedriger Kadenz von 45–55 U/min. Der Fokus liegt auf sattem, kontrolliertem Druck aus Hüfte und Gesäß.
Pause:
Jeweils 4 Minuten locker rollen bei hoher Frequenz.
Cool-down:
10 Minuten locker ausfahren.
Diese Einheit ist kein Ersatz für Bergsprints, aber ein sehr wirksamer Baustein für die bergbezogene Kraftausdauer.
6. Warum Downhill dein größter orthopädischer Gegner ist
Fast jeder Trailrunner liebt das Bergauflaufen, doch die größte mechanische Belastung entsteht meist bergab. Beim Downhill wirken enorme exzentrische Kräfte auf die Muskulatur. Das führt zu Mikroverletzungen, erhöhter Ermüdung, Muskelkater, verzögerter Regeneration und im schlimmsten Fall zu Überlastungsproblemen.
Gerade im Ultratrail ist das relevant, weil die Downhill-Belastung nicht nur lokal schadet, sondern deine gesamte Trainingssteuerung beeinflusst. Eine harte Downhill-Einheit kann dein System über Tage hinweg beeinträchtigen.
Das Rad umgeht genau dieses Problem. Du kannst deine aerobe Arbeit hochfahren, ohne eine zusätzliche Downhill-Summe zu erzeugen. Dadurch bleibt mehr „Budget“ für die wirklich spezifischen Laufreize.
7. Die Kunst des Hybrid-Modells: So wird aus Rad und Lauf ein sinnvoller Verbund
Die große Frage lautet nicht: Rad oder Lauf?
Die richtige Frage lautet: Wie kombiniere ich beides so, dass der Transfer maximal und das Risiko minimal ist?
Hier ist das Hybrid-Modell stark:
Unter der Woche nutzt du das Rad für Volumen, Regeneration und metabolische Reize.
Am Wochenende setzt du gezielt auf spezifische Trailreize, Technik, Bergarbeit und längere Läufe im Gelände.
So kannst du dein Training aufbauen, ohne dich dauerhaft in einen Zustand aus Restmüdigkeit und orthopädischer Überlastung zu schieben.
Beispiel für eine intelligente Trail-Woche
Montag:
Komplette Regeneration
Dienstag:
Trailrun, 75 Minuten: Fahrtspiel im profilierten Gelände mit Wechseln zwischen Zone 2 und kurzen Z3-Abschnitten bergauf
Mittwoch:
Rad, 90 Minuten Zone 2 auf der Rolle, inklusive 4 × 30 Sekunden Aktivierungsantritte
Donnerstag:
Trailrun, 90 Minuten: Fokus auf Downhill-Technik und neuromuskuläre Verträglichkeit
Freitag:
Rad, 60 Minuten aktive Regeneration in Zone 1
Samstag:
Spezifischer Long Trailrun, 3 Stunden im Gelände mit Fokus auf Verpflegung, Höhenmeter und Renntempo-Ökonomie
Sonntag:
Rad-Long-Ride, 4,5 Stunden Grundlagen-Ausdauer in Zone 2, solo oder in der Gruppe
So entstehen rund 12,5 Stunden hochwertiges Training pro Woche — ohne dass jeder einzelne Reiz auf die Laufmuskulatur und die Gelenke fällt.
8. Drei typische Fehler ambitionierter Amateure
Viele leistungsorientierte Trailrunner machen immer wieder dieselben Fehler:
Erstens: Sie laufen jede freie Minute, obwohl der Körper längst mehr Belastung erhält, als er regenerieren kann.
Zweitens: Sie verwechseln Umfang mit Qualität und laufen ihre Grundlageneinheiten oft zu schnell.
Drittens: Sie ignorieren den Wert von Regeneration und Low-Impact-Training.
Erfolgreiche Ultraläufer denken anders. Sie fragen nicht: „Wie viele Laufkilometer schaffe ich noch?“
Sie fragen: „Wie viele hochwertige aerobe Stunden verträgt mein System über Wochen und Monate?“
Das ist ein fundamentaler Unterschied.
9. Fazit: Trainiere smart, nicht nur hart
Wenn du deine Freizeit optimal nutzen willst, höre auf, blind Kilometer zu bolzen. Nutze die wissenschaftlich belegten Synergien des Cross-Trainings.
Das Rad ist kein Ersatz für das Laufen. Aber es ist eines der wirksamsten Werkzeuge, um dein aerobes Fundament zu vergrößern, deine Durability zu verbessern und gleichzeitig deinen Bewegungsapparat zu schützen.
Gerade im Ultratrail entscheidet nicht nur die Härte des Trainings, sondern vor allem die Intelligenz der Belastungssteuerung.
🗣️ Alex, Coach von aecoaching.at, fasst zusammen:
Der moderne Trailrunner ist ein Hybrid-Athlet. Wer das Radfahren intelligent als Werkzeug für Volumen und Uphill-Kraft nutzt, wird im Ultratrail am Ende die Konkurrenz überholen, deren Sehnen und Muskeln schon längst streiken. Trainiere smart, nicht nur hart.

Wissenschaftliches Quellenverzeichnis
Boullosa, D., et al. (2023). Factors affecting world-class performance in ultra-endurance running: A comprehensive review. Journal of Sports Sciences, 41(8), 754–768.
Giandolini, M., et al. (2021). Impact of prolonged downhill running on neuromuscular function and running economy. European Journal of Applied Physiology, 121(4), 1105–1119.
Millet, G. P., et al. (2021). General and specific training adaptations in cross-training athletes: Cycling vs. Running. Sports Medicine, 51(9), 1833–1845.
Sabatier, C., et al. (2024). Neuromuscular and mechanical transfers from low-cadence cycling to uphill walking performance. International Journal of Sports Physiology and Performance, 19(2), 142–150.
Seiler, S. (verschiedene Arbeiten zur Intensitätsverteilung im Ausdauertraining).
Joyner, M. J. & Coyle, E. F. (2008). Endurance exercise performance: The physiology of champions. Journal of Physiology.
Sandbakk, Ø. & Holmberg, H.-C. (2017). Physiological capacity and training routines of elite endurance athletes. Comprehensive Physiology.




Kommentare